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für gute Bildung: die Adivasi-Schule

Schule 3Foto: im Unterricht an der Adivasi-Schule Vidyodaya in Gudalur (AMS)

"Unsere Kinder sollen lernen, stolz darauf zu sein, wer sie sind und die Gesellschaft als aktive Mitglieder zu gestalten", beschrieb der Mullakurumba-Adivasi Surendiran, langjähriger Leiter der Adivasi-Schule, das Anliegen einer eigenen Adivasi-Schule.

Bis zu 100 Adivasi-Kinder lernen an Adivasi-Schule "Vidyodaya" in Gudalur. Mit einem eigenen Schulbus wird ein Teil der Kinder aus einigen abgelegenen Adivasi-Dörfern gebracht. Die Kinder gehen gern auf die Adivasi-Schule und lernen gut. Auch wenn seit 2014 die Adivasi-Schule nur noch als Grundschule bis zur 5. Klasse unterrichten darf - aufgrund strengerer Anforderungen an Bau und Ausstattung sowie Ausbildung der Lehrkräfte -, auch wenn "nur" 100 von etwa 2.000 schulpflichtigen Adivasi-Kindern der Region diese kleine Schule besuchen: Die Adivasi-Schule hat auch Bedeutung als Modellschule.

Schule 2Foto: Familie der Adivasi-Paniya in den Nilgiri-Bergen (ATP)

die schwierige Bildungssituation von Adivasi-Kindern:

Kinder spielen eine wichtige Rolle in Familie und Gemeinschaft der Adivasi der Gudalur-Region. Sie werden geliebt und anerkannt. Traditionell dürfen auch Kinder an den Entscheidungen der Dorfgruppen (sangams) gleichberechtigt mitwirken. Sie und ihre Eltern wollen Bildung - entgegen allen Vorurteilen gegenüber Adivasi. Aber die Bildungssituation der Adivasi in den Nilgiri-Bergen ist schwierig.

Die Dörfer sind oft abgelegen - nicht selten haben schon kleine Kinder einen gefährlichen Schulweg von einigen Kilometern Fußweg durch den Wald. Erst jetzt rücken einige Dörfer durch den Neubau von Straßen näher an die staatlichen Schulen heran. In der Region gibt es eine Reihe von staatlichen Internatsschulen speziell für Adivasi-Kinder. An den staatlichen Schulen spielen Sprache und Kultur der Adivasi jedoch keine Rolle, spezifische Bedürfnisse der Adivasi-Kinder werden oft nicht ausreichend berücksichtigt. Ausstattung und Atmosphäre bieten in der Regel keine idealen Lernbedingungen. Zuhause mangelt es in mancher Familie an Geld für Schuluniformen und Bücher, an Platz und Ruhe für Lernen und Schulaufgaben, an Strom für Licht zum Lernen im frühen Abenddunkel. Schwierige Lernbedingungen zu Hause und an staatlichen Schulen führen zur Benachteiligung und immer wieder auch zum Schulabbruch. Viele Kinder gehen nicht regelmäßig zur Schule oder brechen sie ab - teilweise bereits während der Grundschule.

Gehen Kinder regelmäßig und erfolgreich zur Schule, so ist die Entfremdung von Tradition und Wissen der Adivasi ein anderes Problem für die Persönlichkeitsentwicklung und das Selbstbewusstsein der Adivasi-Kinder. Da die Kinder den Großteil des Tages in der Schule oder gar den Großteil ihres Lebens in einer Internatsschule verbringen, wird ihre Persönlichkeit stark von dem geprägt, was ihnen an der Schule an Wissen und Werten vermittelt wird. Üblicherweise werden an indischen Schulen akademisches statt ganzheitliches Lernen, Wettbewerb statt Kooperation, Faktenlernen statt Kreativität gefördert. Für Adivasi-Kinder gibt es an den meisten Schulen wenig Anknüpfungspunkte an das ihnen bekannte Leben im Dorf und sie verlieren mehr als andere Schüler*innen Selbstsicherheit und Freude am Lernen.

Schule 5Foto: An der Adivasi-Schule in Gudalur finden Unterricht und Spiele auch draußen statt (ATP)

Adivasi-Schule: ein Modell für andere

Die Adivasi-Schule Vidyodaya in Gudalur "ist ein erfolgreiches Beispiel dafür, wie gute Bildung für Adivasi erreicht werden kann. Vidyodaya demonstriert, was möglich ist und woran weder öffentliche Schulen noch die Adivasi selbst mehr geglaubt haben", sagte Sanjana Janardhanan, der Programm-Manager der "Ashoka Changemaker Schools" über die Adivasi-Schule. Seit April 2015 ist die Adivasi-Schule Vidyodaya in Gudalur als "Ashoka Changemaker School" anerkannt, als eine von 13 Schulen in Indien (mehr Infos zu Ashoka-Schulen hier...).

An der Adivasi-Schule Vidoydaya in Gudalur werden Lieder, Geschichten, Sprache und Kultur der Adivasi in den Unterricht einbezogen. Hinsichtlich Unterrichtsmethoden, Lehrplan und Schulorganisation insgesamt unterscheidet sich die Adivasi-Schule zum Teil deutlich von anderen öffentlichen und privaten Schulen der Region.

Von Anfang an hatte die Vidyodaya-Schule das Bestreben, nich nur eine Anzahl von Kindern zu unterrichten – sondern es ging immer auch darum, der Gesellschaft und der Regierung zu zeigen, dass Bildung für Adivasi-Kinder sehr wohl und erfolgreich möglich ist, wenn sie richtig angegangen wird. 2009 wurde die Adivasi-Schule von der indischen Regierung als alternative Schule anerkannt. Dies berechtigt die Schule dazu, selbst Lehrpläne zu gestalten und Prüfungen abzunehmen.

Schule 1Foto: Arbeit im Schulgarten der Adivasi-Schule (ATP)

das Besondere: Adivasi-Kultur wird berücksichtigt

  • Zwar liegt auch an der Adivasi-Schule der Fokus auf der Landessprache Tamil und der Amtssprache Englisch, um den Kindern gute Zukunftschancen zu ermöglichen. Doch die Kinder werden nicht darin gehindert, ihre Adivasi-Muttersprache zu sprechen, sondern im Gegenteil dazu ermuntert. Die Lehrer*innen für die Jüngsten sind selbst Adivasi. Die anderen Lehrkräfte bemühen sich, wenigstens einige Kenntnisse der regionalen Adivasi-Sprachen zu erwerben. Das AMS-Bildungsteam hat ein Buch in der Sprache und mit Geschichten der Paniya-Adivasi herausgebracht und setzt dies auch im Unterricht ein. Die Bemühungen, ein Alphabet für die anderen regionalen Adivasi-Sprachen zu erarbeiten und weitere Geschichten in den Muttersprachen aufzuschreiben, dauern an.
  • Der Stundenplan enthält alle prüfungsrelevaten Fächer wie an anderen Schulen auch. Zusätzlich wurden Geschichte und Kultur der Adivasi-Gemeinschaften sowie Adivasi-Lieder und -Geschichten in den Lehrplan integriert. Immer wieder werden Eltern oder andere Adivasi aus den Dörfern an die Schule eingeladen, um über ihre Weltsicht, ihr Leben, über Religion und Kultur der Adivasi zu sprechen oder kleine Workshops durchzuführen. Schüler*innen üben traditionelle Tänze und führen sie zu Adivasi-Festen auf. Als weltoffene Schule begeht die Adivasi-Schule aber auch hinduistische, muslimische und christliche Feste wie Weihnachten.
  • Als Ergänzung zu den akademischen Fächern und neben dem Erlernen von Liedern und Tänzen gibt es nachmittags regelmäßig Unterricht im Basteln und Kunsthandwerk sowie Schulgarten und Sportspiele - Besonderheiten im indischen Schulsystem. Diese Aktivitäten haben zudem einen Bezug zum Alltag im Dorf: So werden Bastkörbe geflochten, der Dorfalltag gemalt, beliebte Spiele wie das Sportspiel Kabbadi gespielt. 

Schule 6Foto: im Unterricht an der Adivasi-Schule Vidyodaya in Gudalur (ATP)

das Besondere: eine ermutigende Lernatmosphäre

  • Die Adivasi-Schule ist von einer lockeren Atmosphäre geprägt, in der die Kinder sich wohlfühlen, sich in ihrer Muttersprache verständigen können und gern lernen. Der Geist von Kooperation statt Wettbewerb ist im guten Einklang mit den Werten der Adivasi-Kultur. Lernen mit Freude ist das Anliegen der Schule. Es gibt keine Schuluniform; wenn sie mögen, können die Kinder auch barfuß laufen.
  • Auf eine Lehrkraft kommen nur etwa zehn Schüler*innen. Die Kinder erhalten so viel individuelle Aufmerksamkeit. Der Unterricht ist nicht in festen Klassen, sondern in Kleingruppen organisiert. Dies erlaubt den Kindern, in wechselnden Gruppen entsprechend ihrem individuellen Entwicklungsstand zu lernen: Jedes Vierteljahr wird die Gruppeneinteilung neu vorgenommen. Gruppenübergreifend sind alle Kinder gut miteinander vertraut, auch, da es eine kleine Schule mit nur etwa 100 Schüler*innen ist.
  • Die Kinder sind es im Dorfalltag gewohnt, den ganzen Tag draußen zu sein. An der Adivasi-Schule findet Unterricht auch draußen statt: Lernen im Schatten eines Baumes, Aktiv sein im Schulgarten, Rennen bei Spielen auf dem Schulhof, ganzheitliches Lernen bei Ausflügen und Exkursionen.
  • Ein reger Geist braucht wichtige Nährstoffe. Deshalb gibt es an der Adivasi-Schule für alle Kinder ein nährstoffreiches Pausengetränk aus gesunder Fingerhirse und Spirulina. Spirulina-Algen besitzen einen hohen Anteil an Proteinen und sind reich an Vitaminen und sind reich an wichtigen Mineralien wie Kalzium, Eisen und Magnesium. Viele Adivasi-Kinder sind mangelernährt und für ihr Alter sehr klein. Die regelmäßige Vergabe des Pausengetränkes zeigt: die Kinder nehmen zu und wachsen. 

Schule 4Foto: eine der Postkarten, die an der Adivasi-Schule gemalt und verkauft werden (ATP)

das Besondere: Eigenverantwortung wird gestärkt

  • Schüler*innen unterhalten ein eigenes Sparguthaben, um Schulmaterialien zu finanzieren. Denn sogar Stifte und Hefte zu kaufen, ist für manche Familien eine Schwierigkeit. Wenn gerade dann, wenn diese verbraucht sind, in der Familie kein Geld übrig ist, ist gutes Lernen schnell in Gefahr. Die Adivasi-Schule besorgt alle notwendigen Materialien, aber möchte auch die Selbstverantwortung stärken. Deshalb können die Schüler*innen an der Adivasi-Schule sich kleine Geldbeträge selbst erwirtschaften - zum Beispiel über den Verkauf ihrer gemalten Postkarten. Über die Sparbeträge wird an der Schule Buch geführt. Sobald einem Kind Stifte oder Hefte ausgehen, erwirbt es direkt in der Schule neue und bezahlt diese von seinem Gesparten. Pro Jahr sparen die Schüler*innen insgesamt etwa 12.000 Rupien an: ein Monatsgehalt. 
  • Es gehört zu den Grundsätzen der Adivasi-Schule, die Eltern bei allen wichtigen Entscheidungen heranzuziehen. Es ist eine Besonderheit, dass viele Eltern tatsächlich zu Gesprächen und Elternabenden kommen. Dies zeigt die guten Beziehungen zwischen Lehrkräften und Eltern. Das Schul-Team ist über die dörflichen AMS-Teams mit den Lebensverhältnissen der Familie einer jeden Schülerin und eines jeden Schülers vertraut.
  • Die Adivasi-Schule "Vidyodaya" wird wesentlich von Adivasi mit gestaltet und geleitet, auch wenn nicht alle im Team Adivasi sind. Zwei erfahrene Adivasi, Shanthi und Janaki, haben die offizielle Leitung der Schule inne. Alle Lehrkräfte werden vom Schul-Team selbst bestimmt und vertreten mit vollem Einsatz die besonderen Grundsätze der Adivasi-Schule. Bereits mehr als 20 junge Adivasi erhielten nach ihrem Schulabschluss an der Adivasi-Schule ein AMS-eigenes Training als Lehrkraft. Heute arbeiten sie an der Adivasi-Schule, in den Bildungsteams der Dörfer oder an staatlichen Schulen und Kindergärten als Erzieher*innen für Adivasi-Kinder.

Die Art des Unterrichts an der Adivasi-Schule fördert das Selbstbewusstsein der Kinder enorm. Sie trauen sich, in einer Gruppe zu sprechen. Sie schämen sich nicht dafür, Adivasi zu sein. Sie lernen gut. Sie gehen gern in die Schule: Hier bricht kein Adivasi-Kind die Schule ab, wie an anderen Schulen.

Schule 7Foto: im Unterricht an der Adivasi-Schule Vidyodaya in Gudalur (ATP)

mehr als eine Schule

Das Team der Adivasi-Schule arbeitet mit dem Bildungsteam des Adivasi-Netzwerks AMS in den Adivasi-Dörfern eng zusammen. Alle Kinder werden nach Möglichkeit auf ihrem Bildungsweg unterstützt, auch wenn sie nicht die Adivasi-Grundschule besuchen können: Sie erhalten Nachhilfe und Unterstützung in dörflichen Lernzentren. Sie lernen ganzheitlich in Ferien-Camps und erlangen Welterfahrung auf Exkursionen. Sie werden nach einem Schulabbruch auf den erneuten Schulbesuch vorbereitet, in der Prüfungsvorbereitung unterstützt und bei Schulwechseln begleitet. Sie erhalten bei Bedarf Stipendien für Oberstufe oder Studium.

Jugendliche werden in der Berufsorientierung unterstützt. Junge Adivasi werden als Lehrkräfte weitergebildet und in Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen als Erzieher*innen an staatliche Internatsschulen oder Kindergärten für Adivasi vermittelt. Das Vidyodaya-Bildungsteam ist an der Trägerschaft einer staatlichen Adivasi-Internatsschule in Gudalur beteiligt (allerdings kann hier nur auf den außerschulischen Bereich Einfluss genommen werden) und strebt langfristig eine weiterführende Adivasi-Schule in eigener Trägerschaft an. Dafür wird derzeit nach bezahlbarem geeignetem Land in der Region gesucht.

Unmittelbare Ziele für die Adivasi-Schule sind im Jahr 2021-22 die Aufnahme von Kindern aus weiteren Adivasi-Dörfern, die grundlegende Überarbeitung des schuleigenen Lehrplans und Unterrichtsmaterials, ein neuer zweijähriger Ausbildungskurs für angehende Lehrkräfte. Zudem plant das Team eine eigene Internatsbetreuung für Schüler*innen, welche nach der 5. Klasse die Adivasi-Schule verlassen müssen, um sie nach dem Schulwechsel noch besser betreuen zu können, damit kein Kind mehr die weiterführende Schule vorzeitig abbricht.

Mit 25% der mit dem Spendenzweck "Adivasi" eingehenden Spenden unterstützen wir flexibel die AMS-Bildungsarbeit.

Schule 8Foto: An der Adivasi-Schule in Gudalur wird der Adivasi-Tanz Kolkali aufgeführt (AMS)


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