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für Gesundheitsversorgung in den Dörfern

Gesundheitsarbeit ATPFoto: Die Adivasi Bindu gibt als Dorf-Krankenschwester Medikamente aus (ATP)


"Die Mangelernährung bei Kindern steigt wieder an. Psychische Probleme und Alkoholabhängigkeit nehmen zu, vor allem bei Jugendlichen. Es gibt immer wieder Selbstmorde. Im letzten Jahr haben sich in unseren Dörfern fast 20 Adivasi das Leben genommen, die meisten davon junge Menschen. Bluthochdruck und Diabetes nehmen zu, Tuberkulose ist noch immer ein verbreitetes Problem. An Covid-19-Erkrankte beobachten wir dagegen zum Glück bisher nur vereinzelt", berichtet die im AMS-Netzwerk als Dorf-Krankenschwester ausgebildete Adivasi Bindu.

Vieles hat das Gesundheitsprogramm des AMS in der Gudalur-Region erreicht: die Sterblichkeit von Säuglingen durch Durchfall oder von Schwangeren infolge der Entbindung ist drastisch zurückgegangen. Doch viele gesundheitliche Probleme bleiben bestehen oder kommen hinzu.

Gesundheitsarbeit 2 ATPeine Frau der Mullakurumba-Adivasi im Dorf Kappala in den südindischen Nilgiri-Bergen (ATP)

Das Gesundheitsprogramm im Adivasi-Netzwerk AMS:

Neben der Versorgung von Schwangeren und kleinen Kindern, Alten und chronisch Kranken gibt es vielfältige weitere Probleme für die Gesundheit der Adivasi-Bevölkerung zu bewältigen: Armut und fehlendes Wissen, Mangelernährung und Entwicklungsstörungen, enge Wohnverhältnisse und Tuberkulose, Alkoholismus und psychische Krankheiten. Hinzu kommen Probleme wie Bluthochdruck, Diabetes, Krebs oder die aktuelle Covid-19-Pandemie.

In den abgelegenen Dörfern gibt es keine staatliche Gesundheitsversorgung: Kein Arzt kommt hierher und kein Krankenwagen, denn viele Dörfer sind nur zu Fuß zu erreichen. Schwangere, kleine Kinder, alte und kranke Menschen schaffen den beschwerlichen Weg in die staatlichen Gesundheitszentren aber nicht. Durch den Ausbau von Straßen und Wegen sind die Adivasi-Dörfer heute leichter zu erreichen - Bus, Sammeltaxi oder Krankenwagen kommen zumindest bis in die Nähe eines Dorfes, nur das letzte Stück Fußweg muss zurückgelegt werden. Dies allein schafft jedoch noch keine gute Gesundheitsversorgung. Die staatlichen Gesundheitszentren (Primary Health Centres, PHCs) auf dem Land bieten zwar kostenlose Basisversorgung, doch sind sie meist materiell und personell schlecht ausgestattet und überlastet. Hinzu kommen kulturelle und sprachliche Hemmschwellen bei den Adivasi. 

So hat das Adivasi-Netzwerk AMS eine eigene Gesundheits-Infrastruktur für Adivasi in der Gudalur-Region etabliert. Indische Ärztinnen und Ärzte haben mit den Adivasi die lokale Gesundheitsorganisation ASHWINI aufgebaut. 16 medizinisch ausgebildete Adivasi und über 200 Gesundheits-Freiwillige sorgen in den Dörfern für ein gut funktionierendes System für Prävention, Basis-Gesundheitsversorgung und weiterführende medizinische Behandlung durch Vermittlung an das eigens aufgebaute Adivasi-Krankenhaus in der Kleinstadt Gudalur.

Gesundheitsarbeit 3 ATPDer medizinisch ausgebildete Adivasi Eswaran informiert in einem Adivasi-Dorf über gesundheitliche Themen (AMS)

Über 200 Gesundheits-Freiwillige in den Dörfern:

Ist jemand in einem der Adivasi-Dörfer krank oder braucht gesundheitliche Fürsorge, gibt es im eigenen oder benachbarten Dorf einen Freiwilligen als Ansprechperson für eine erste Hilfe und Beratung. Diese Gesundheits-Freiwilligen (genannt Village Health Volunteers oder Health Guides) wurden vom medizinischen Personal der lokalen Adivasi-Gesundheitsheitsorganisation ASHWINI ausgebildet: Sie haben Trainings-Workshops in ihrem nahe gelegenen AMS-Zentrum oder auch im Adivasi-Krankenhaus in Gudalur absolviert und werden von den Dorf-Gesundheitsarbeiter*innen des AMS bei deren regelmäßigen Besuchen im Dorf weitergebildet.

Die Gesundheits-Freiwilligen überwachen das Wachstum der Kleinkinder bis zum Alter von 5 Jahren und vergeben bei Mangelernährung Nahrungsergänzungsmittel. Sie achten darauf, dass chronisch Kranke regelmäßig ihre Medikamente nehmen, dass Schwangere und Mütter von Säuglingen gut versorgt und alle Kinder geimpft sind. Sie behandeln einfache Erkrankungen wie Fieber und versorgen kleine Wunden. Dorfbewohner*innen mit schwerwiegenderen Problemen werden von ihnen an das Adivasi-Krankenhaus in Gudalur verwiesen oder zunächst an ein nahes AMS Area Centre, wo die Dorf-Gesundheitsarbeiter*innen ihre Station haben. Oft begleiten die Gesundheits-Freiwilligen die Patient*innen dabei.

Alle Gesundheits-Freiwilligen haben ein Handy. Bei akuten Fällen rufen Sie die AMS-Gesundheitsarbeiter*innen der Umgebung an. Diese geben dann telefonisch Hinweise für das weitere Vorgehen und kommen bei Bedarf sofort vorbei.

Die Gesundheits-Freiwilligen spielen eine wichtige Rolle für die Gesundheit der Adivasi. Sie haben alle Parameter für eine gute Gesundheit der Dorfbevölkerung im Blick und schaffen ein Bewusstsein dafür, wie eine gute Gesundheit möglich wird.

Gesundheitsarbeit 4 ATPDie medizinisch ausgebildete Adivasi Bindu misst einer jungen Frau den Blutdruck (ATP)

16 medizinisch ausgebildete Dorf-Gesundheitsarbeiter*innen:

Jeweils 2 Adivasi sind als medizinisch ausgebildete Gesundheitsarbeiter*innen für jeweils 20 bis 50 Adivasi-Dörfer verantwortlich. Wer diese Ausbildung erhalten sollte, wurde in den AMS-Dorfgruppen gemeinsam entschieden. Diese so genannten Health Animators sind sie weite Strecken zu Fuß, aber auch per Bus oder Sammeltaxi unterwegs, um jedes "ihrer" Dörfer mindestens ein Mal pro Monat zu besuchen - bei Bedarf auch häufiger. In akuten Fällen werden sie von den Gesundheits-Freiwilligen eines Dorfes per Handy gerufen.

Die Dorf-Gesundheitsarbeiter*innen kennen in den Dörfern, für die sie verantwortlich sind, alle Menschen persönlich und über eine lange Zeit. So können sie optimal auf deren Bedürfnisse und gesundheitlichen Beschwerden eingehen.

Die Health Animators sind für vielfältige Aufgaben verantwortlich:

  • Sie behandeln einfache Erkrankungen und verweisen Patient*innen mit schwereren gesundheitlichen Problemen an das Adivasi-Krankenhaus.
  • Sie betreuen Schwangere und Mütter vor und nach der Geburt und beraten die Eltern.
  • Sie überwachen Wachstum und Gesundheitszustand aller Kinder bis 5 Jahre und geben Unterstützung bei Problemen.
  • Sie überwachen den Gesundheitszustand von chronisch Kranken und deren regelmäßige Tabletteneinnahme.
  • Sie geben Beratung, Unterstützung und bei Bedarf Nahrungsergänzungsmittel oder kalorienreiche Lebensmittel an mangelernährte Kinder und Erwachsene.
  • Sie motivieren Kranke, sich einer notwendigen Behandlung zu unterziehen.
  • Sie beobachten den Gesundheitszustand derer, die aus dem Krankenhaus entlassen wurden.
  • Sie informieren in den Dörfern zu bestimmten Krankheiten, deren Vorbeugung und Behandlung. So wurde traditionell angenommen, dass man bei Durchfall nichts trinken solle. Allein diesen Glauben zu verändern, rettete vielen Kindern das Leben. Die Folgen von Mangelernährung und die Bedeutung einer gesunden Ernährung sind zum Beispiel heute wichtige Themen.
  • Sie leiten die Gesundheits-Freiwilligen in den Dörfern an und führen Trainings-Workshops für sie durch.
  • Sie suchen gezielt nach Fällen von Tuberkulose. Die Menschen mit direkten Kontakten zu einem Tuberkulose-Kranken werden getestet, die Einnahme der Medikamente über 6 Monate wird überwacht, eine gesunde Ernährung zur Gewichtszunahme wird unterstützt. Tuberkulose ist ein andauerndes Problem unter der Adivasi-Bevölkerung.
  • Sie suchen gezielt nach eventuellen Fällen von Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes und sorgen für adäquate Unterstützung und Behandlung.
  • Sie suchen gezielt nach Erkrankungen an Sichelzellanämie. Etwa 12% der Adivasi-Bevölkerung trägt diese erbliche Krankheit. Die Sterblichkeit bei Patient*innen mit Sichelzellanämie konnte durch systematische Erkennung und gute Behandlungerheblich reduziert werden.
  • Sie achten auf das Auftreten psychischer Erkrankungen wie Depression und auf übermäßigen Alkoholkonsum, um mit dem ganzen Team Unterstützung anbieten zu können. Um den zunehmenden Selbstmorden begegnen zu können, ist die psychische Gesundheit seit 2005 mit dem "Mental Health Program" im besonderen Fokus der Gesundheitsarbeit.
  • Sie sorgen dafür, dass relevante Dokumente wie zum Beispiel Geburtsurkunden ausgestellt werden, führen Register über Geburts- und Sterbefälle in den Adivasi-Dörfern und achten darauf, ob Kinder die notwendigen Impfungen erhalten haben.
  • Sie sind im Kontakt mit den Mitarbeitenden der staatlichen Gesundheitsprogramme in der Region.

Gesundheitsarbeit 6 AMSFoto: Der medizinisch ausgebildete Adivasi Kichen während einer Untersuchung in der mobilen Klinik (AMS)

Eine mobile Klinik:

Ein gut medizinisch ausgestatteteter Bus fungiert als mobile Klinik für die Adivasi-Dörfer. Jeden Sonntag fährt ein Team aus Ärzt*innen und Adivasi-Gesundheitsarbeiter*innen mit der mobilen Klinik in einige Adivasi-Dörfer. Entsprechend der Rückmeldungen der Gesundheitsarbeiter*innen aus den Dörfern wird ein Plan erstellt, welche Dörfer wann besucht werden und was für ein Team jeweils mitfahren soll. Die mobile Klinik ist eine Schnittstelle zwischen der dezentralen Arbeit der Dorf-Gesundheitsarbeiter*innen und dem Adivasi-Krankenhaus. Die mobile Klinik beliefert die acht stationären Gesundheitsstationen des AMS (in den AMS Area Centres) mit den für die Arbeit in den Dörfern notwendigen Medikamenten. Die mobile Klinik ermöglicht weitergehende Untersuchungen und eine ärztliche Visite vor Ort im Dorf. Zum Beispiel werden Schwangere alle drei Monate ärztlich untersucht. Die mobile Klinik unterstützt mit einem Team personalintensive und aufwendige Untersuchungen - zum Beispiel werden alle Dorfbewohner*innen alle sechs Monate auf Tuberkulose hin getestet.

Vor allem während der wochenlangen landesweiten Ausgangssperre zur Eindämmung der Corona-Pandemie ab März 2020 war die mobile Klinik enorm wichtig. Sie fuhr mit Sondergenehmigungen, um die etwa 800 chronisch Kranken mit ihren Medikamenten und unterernährte Kinder mit Nahrungsergänzungsmitteln zu versorgen, um nahe der Entbindung stehende Schwangere zu betreuen und ernste Fälle ins Adivasi-Krankenhaus einzuliefern. Ohne dies müssten Kranke und Schwangere im Notfall mehrere Kilometer bis zur nächsten öffentlichen Gesundheitsstation laufen und würden sich im öffentlichen Raum einem erhöhten Ansteckungsrisiko aussetzen: Mehr als die Hälfte der Adivasi-Mütter zählt durch Mangelernährung, Anämie, Bluthochdruck, Wachstumsverzögerungen der Babies etc. zur Hochrisikogruppe bei COVID-19-Infektionen. Hinzu kommt, dass die Gesundheitsversorgung in den öffentlichen Gesundheitsstationen sehr einfach und die Sterblichkeit bei dortigen Entbindungen hoch ist.

Die mobile Klinik hat eine lange Erfahrungsgeschichte im Gesundheitsprogramm der Adivasi. Vor der Gründung des Adivasi-Krankenhauses und vor der medizinischen Ausbildung von Adivasi als Dorf-Gesundheitsarbeiter*innen fungierte ein mit Medikamenten und einfachen Untersuchungsgeräten ausgestatteter Jeep als mobile Klinik. Später wurde diese Basisversorgung von Adivasi in den Dörfern selbst übernommen.

Seit einigen Jahren gibt es nun wiederum eine mobile Klinik. Diesen modern ausgestatteten Bus stellte die Regierung des indischen Bundesstaates Tamil Nadu zur Verfügung und finanzierte dessen Einsatz. Allerdings konnte der große Ambulanz-Bus nur in einige wenige Adivasi-Dörfer nahe der Kleinstadt Gudalur vordringen - zu weiter entfernt liegenden Adivasi-Dörfern gab es nicht ausreichend große Straßen. Deshalb wurde diese Kooperation mit der Regierung wieder aufgegeben.

Die Ärztin Shyla am Adivasi-Krankenhaus sagt dazu: "Für unsere Arbeit standen personeller Aufwand und Nutzen dieser mobilen Ambulanz in keinem Verhältnis. Ja, die mobile Ambulanz wurde von der Regierung bezahlt. Aber wir realisierten, dass wir unsere personellen Ressourcen besser in unserem Adivasi-Krankenhaus einsetzten, zumal die Adivasi der umliegenden Dörfer relativ leicht in das Adivasi-Krankenhaus nach Gudalur kommen konnten. Für weiter entfernte Adivasi-Dörfer war eine mobile Ambulanz schon eine Unterstützung, aber dorthin konnte der Ambulanz-Bus nicht gelangen."

Diese Situation hat sich in den letzten Jahren geändert. Straßen und Zufahrtswege haben sich verbessert. Die meisten Adivasi-Dörfer sind jetzt sehr gut zu erreichen oder die Dorfbevölkerung muss nur relativ kurze Strecken bis zu einer Straße laufen. Nun ist der Einsatz der mobilen Klinik wieder möglich und sinnvoll. Das schätzen wir an unseren indischen Partner*innen: Die selbstbestimmte Gestaltung der Basis-Entwicklungsarbeit, welche die Bedürfnisse und Anforderungen der Situation vor Ort in den Fokus rückt.

Gesundheitsarbeit 5 ATPDie medizinisch ausgebildete Adivasi Urvasi dokumentiert im AMS-Gesundheitszentrum die Wachstumskurve der Kinder (ATP)

8 stationäre Gesundheitszentren:

Die weitläufige Region mit über 300 zum Teil schwer erreichbaren Dörfern hat das Adivasi-Netzwerk AMS in acht Gebiete aufgeteilt. In jedem Gebiet wurde ein AMS-Gemeinschaftszentrum (ein AMS Area Centre) errichtet: In Gudalur, Devala, Devarshola und Srimadurai (im Gudalur-Taluk) sowie in Ponnani, Pattavayal, Erumad und Ayyankolly (im Pandalur Taluk).

In diesen 8 AMS-Zentren läuft die Arbeit aus den Dörfern zusammen: Hier treffen sich Animator*innen und Dorfbewohner*innen zu Absprachen und Trainings-Workshops, hier werden landwirtschaftliche Adivasi-Produkte zur weiteren Vermarktung angenommen, hier gibt es Internet und Computer.

Diese 8 AMS Area Centres fungieren auch als stationäre Gesundheitsstationen. Hier lagern die Dorf-Gesundheitsarbeiter*innen die Medikamente und führen einfache Behandlungen durch. Wer Hilfe sucht und nicht anrufen oder auf den Besuch im Dorf warten möchte, findet hier eine Anlaufstelle.

Die 16 Gesundheitsarbeiter*innen haben ein Smartphone, im Area Centre gibt es einen Computer und Internet. Derzeit wird die bessere Ausstattung mit Tablets und Laptops verfolgt, deren Anwendung wird in Trainings geübt. Über die mobilen Endgeräte sind die Dorf-Gesundheitsarbeiter*innen im engen Kontakt mit dem Team am Adivasi-Krankenhaus: Im internen Netzwerk werden Wachstumskurven von Kleinkindern oder Gesundheitsdaten von chronisch Kranken übermittelt. An der app-Entwicklung waren auch junge Adivasi beteiligt.
 


Die Herausforderung, gute Gesundheit unter den Adivasi der Gudalur-Region zu gewährleisten, bleibt bestehen. Derzeit werden etwa 25% der eingehenden Spenden für die Gesundheitsarbeit der Adivasi verwendet. Mit einer Spende zugunsten "Adivasi" unterstützen Sie mit uns die Gesundheit und weitere Arbeit der Adivasi im Adivasi-Netzwerk AMS.

Die als Dorf-Gesundheitsarbeiterin medizinisch ausgebildete Adivasi Bindu gibt den Grundsatz der Arbeit im Adivasi-Netzwerk AMS so wieder:
"Wenn man ein Problem im Dorf sieht, dann kann man sich nicht nur um Gesundheit kümmern. Man muss sich um jedes Problem kümmern."


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