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Nothilfe zur Bewältigung von Katastrophen

Stipendium 1Foto: Überschwemmung und Schäden infolge starker Regenfälle (AMS)

"Mittlerweile müssen wir jedes Jahr Nothilfe leisten. Wir wollen deshalb einen Nothilfe-Fonds aufbauen, um Überschwemmungen und anderen Katastrophen besser begegnen zu können", sagt Stan von unserer Partnerorganisation ACCORD im Mai 2021, als die Corona-Pandemie noch im vollen Gange ist und die Regenzeit in diesem Jahr noch bevorsteht.

Hilfe bei Überschwemmungen

"An der Veränderung des Monsunregens in der Region wird der Klimawandel sichtbar", sagt Tarsh von der lokalen Adivasi-Umweltorganisation The Shola Trust.

Normalerweise gibt es über mehrere Monate hinweg sanften und stetigen Regen. Von Juni bis Oktober schwellen die Flüsse langsam und der Boden saugt sich mit Regenwasser voll. Die für die Region typischen Bergwiesen wirken dabei wie ein Schwamm. In den letzten Jahren hat sich der Monsunregen durch den Klimawandel verändert: Erst regnet es sehr lange nur sehr wenig, dann gibt es plötzlich starke Stürme und für eine kurze Zeit heftige Regenfälle. 2019 fiel an einem einzigen Tag so viel Niederschlag wie in weiten Teilen Südindiens im ganzen Jahr: 900 mm. Im Jahr 2020 fiel an nur zwei Tagen im August mehr Regen als zuvor in den beiden Monaten Juni und Juli zusammen.
Die Wälder und Grasflächen können so viel Wasser auf einmal nicht aufnehmen. Die plötzlichen starken Regenfälle verursachen enorme Überschwemmungen und Erdrutsche, Bäume werden entwurzelt, Strommasten kippen um. 2019 und 2020 hatte die gesamte Region nach Stürmen für eine Woche keinen Strom.
Hinzu kommen Schäden an Häusern, Straßen und Feldern.

Infolge der starken Regenfälle gab es in etlichen Adivasi-Dörfern Überschwemmungen und Schäden an den Wohnhäusern der Adivasi. In den Dörfern Thenvayal, Molapalli, Puramanavayal stand das Wasser 2019 bis zu 1,5 Meter hoch in den Häusern.

Alle Teammitglieder im Adivasi Munnetra Sangam sind bei solch starken Überschwemmungen in die Nothilfe involviert. Liegen, Betttücher und Planen werden besorgt und an die betroffenen Familien verteilt. Tee und Zucker werden ausgegeben - eine heiße Tasse des beliebten Chais gibt den betroffenen Familien wärmende Stärkung während der Aufräumarbeiten.

Es gibt keine Beobachtungen dafür, dass diese Notunterstützung in irgendeiner Form ausgenutzt wird. Im Gegenteil: Vor Jahren wurden nach starken Überschwemmungen in der Region von der Regionalverwaltung Matratzen an alle betroffenen Familien der Region verteilt - eine Matratze pro Familie. Eine Adivasi-Familie brachte eine Matratze zurück, als sie bemerkte, dass schon ein anderes Familienmitglied eine Matratze abgeholt hatte.
Die Nothilfe im Adivasi-Netzwerk AMS ist so groß wie unbedingt nötig und erreicht die wirklich bedürftigen Familien. Auch deshalb, weil die AMS-Teams jede Familie und ihre Lebenssituation in ihrem Gebiet persönlich kennen.

Ernährungshilfe während des Lockdowns in der Corona-Pandemie 2020

Nothilfe 2Foto: Das Adivasi-Netzwerk AMS organisiert Lebensmittel und deren Verteilung an bedürftige Familien (AMS)

Mit enormem Einsatz konnte das Adivasi-Netzwerk AMS die Ernährungssicherheit gewährleisten, die während der pandemiebedingten Ausgangssperre 2020 ein drängendes Problem war. Unsere Partner*innen leisteten diese enorme Herausforderung mit großer Kraftanstrengung und aus organisiert aus der Adivasi-Gemeinschaft heraus - mit vielen Freiwilligen.

Das Problem war: Zwar bietet die Regierung grundsätzlich monatlich kostenlos Reis und subventionierte Grundnahrungsmittel für Bedürftige (für die Inhaber*innen einer sogenannten "Ration Card"), doch diese Lebensmittel sind in den meisten Adivasi-Familien der Region auch unter "normalen Bedingungen" nach drei Wochen aufgebraucht, so dass zum Ende des Monats zugekauft werden muss. Da die Ausgangssperre sehr kurzfristig am Ende des Monats März verkündet wurde, ging in vielen Haushalten der Reisvorrat zur Neige und Hunger drohte.

Laden-Kredite als Soforthilfe: Die Animator*innen des Adivasi-Netzwerks AMS identifizierten zusammen mit den Freiwilligen-Teams in den Dörfern die besonders bedürftigen Familien und handelten als Soforthilfe für sie vorübergehend Kredit bei den lokalen Läden aus. Außerdem musste den bedürften Familien ohne Anspruch auf Regierungsunterstützung durch die mehrwöchige Ausgangssperre geholfen werden. Es war abzusehen, dass bis Ende April 2020 nahezu alle Familien ohne Reis dastehen würden, zumal die Regierungshilfe erst für später angekündigt war.

Adivasi-Netzwerk AMS organisiert Lebensmittel-Verteilung mit Sondergenehmigungen der Lokalregierung: ACCORD und das AMS begrüßten die Ankündigung der Regierung, dass Ernährungshilfe nur von der Regierung koordiniert und in den Dörfern verteilt werden darf und nicht von Organisationen. Die  lokale Verwaltung gab jedoch alle erforderlichen Sondergenehmigungen, nachdem sie sich von den Vorteilen des AMS-Konzepts überzeugt hatte, in den 300 Adivasi-Dörfern der Umgebung im AMS zu organisieren. Denn ohne externe Beteiligte gab es auch ein wesentlich geringeres Risiko, das COVID-19-Virus in die Adivasi-Dörfer zu tragen.
Die Dorf-Animator*innen im AMS erstellten detaillierte Listen mit allen Bedürftigen: 5 kg Reis wurden für die Adivasi mit Anspruch auf Regierungshilfe vorgesehen, 15 kg Reis für solche ohne diesen. Hinzu kam der tägliche Bedarf an Linsen, Tee, Zucker, Seifen. Ein "Krisen-Logistik-Team" kaufte alle Lebensmittel ein und fuhr die acht Area-Zentren des AMS-Netzwerks an. Hier standen Freiwillige aus den Dörfern bereit, die LKWs für die Lieferung in die Dörfer umzuladen, wo die Güter an die Bedürftigen verteilt wurden. Während dieser Zeit finanzierte unsere Partnerorganisation ACCORD die Mobilfunkkosten aller Team-Mitglieder, Freiwilligen und Bedürftigen, um eine enge Kommunikation zu gewährleisten.

50 Tonnen Reis, 3,5 Tonnen Linsen, 6.500 Teepackungen, 5 Tonnen Zucker, 6.500 Stück Seife wurden im April-Mai 2020 für Hunderte Adivasi-Familien erworben, transportiert und verteilt.

"Nur einige wenige kritisierten, dass ihre Familie keine Lebensmittelhilfe bekommt", berichtet Stan von ACCORD.

Konflikte gab es keine, im Gegenteil: Einige lehnten die Unterstützung ab, damit sie anderen gegeben werden konnte. Die Adivasi Makha hatte 5 kg Reis von ihrem Arbeitgeber geliehen, aber als sie in ihrem Dorf ankam und sah, dass andere bedürftiger waren, gab sie den Reis zwei Familien mit Kindern. Oft gingen die Jugendlichen im Dorf los, um die Lebensmittel für die Älteren zu besorgen. Auch empfingen die Adivasi nicht einfach Wohltaten, sie organisierten ja selbst die gesamte Nothilfe mit. Nur der Einkauf lief über eine zentrale Stelle - alles andere wurde in den Dörfern geleistet.

ACCORD und das Adivasi-Netzwerk AMS arbeiten eng mit der Regierung zusammen, um die Regierungs-Nothilfe für Adivasi zu verbessern. So stimmte die Lokalregierung zu, staatliche Lebensmittelhilfe auch an 509 bedürfte Adivasi-Familien ausgegeben, die kein "Ration card"-Dokument hatten. Auch wurde akzeptiert, dass Adivasi die staatliche Nahrungsmittelhilfe jederzeit in den "Ration shops" abholen konnten und nicht nur an bestimmten Tagen.

Das "COVID-Koordinationsteam" im AMS ist noch immer aktiv. Im Mai-Juni 2021 verkündete die indische Regierung erneut einen Lockdown zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie. Doch dieses Mal sind Probleme für die Ernährungssicherheit unter Adivasi nicht so gravierend, berichten unsere Partner*innen. Doch jeden Montag trifft sich das Koordinationsteam, um alle gesundheitlichen, sozialen und ökonomischen Folgen der Coronapandemie für die ca. 15.000 Adivasi der Region im Blick zu behalten.

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