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für gute Behandlung: das Adivasi-Krankenhaus

Krankenhaus 1 ATPFoto: Am Adivasi-Krankenhaus erholen sich einige Adivasi an frischer Luft (ATP)

"Es gibt fast keine Mütter- oder Säuglingssterblichkeit mehr. Unsere Gesundheitsversorgung ist von sehr guter Qualität", weiß der Paniya-Adivasi Kichen als erfahrener Krankenpfleger am Adivasi-Krankenhaus.

Auf einem Hügel am Rande der Kleinstadt Gudalur in den südindischen Nilgiri-Bergen liegt das Adivasi-Krankenhaus, offizieller Name: The Gudalur Adivasi Hospital. Hier wird sehr gute Behandlung geleistet sowohl für Adivasi als auch für die übrige Bevölkerung der Region - einschließlich anspruchsvoller Operationen. Hier wird die dörfliche Gesundheitsarbeit für die etwa 300 Adivasi-Dörfer koordiniert. Hier werden junge Adivasi zum medizinischen Pflegepersonal ausgebildet.

Krankenhaus 2 ATPFoto: Eine als Krankenschwester ausgebildete junge Adivasi am Adivasi-Krankenhaus in Gudalur (AMS)

In der Mitte der Gesellschaft

Das Adivasi-Krankenhaus will die Benachteiligung der Adivasi in der indischen Gesellschaft aufheben. Das Adivasi-Krankenhaus bietet für die etwa 15.000 Adivasi im Adivasi-Netzwerk AMS eine sehr gute, kostenfreie Behandlung. Die ebenfalls kostenfreien staatlichen Krankenhäuser haben in Indien einen schlechten Ruf; sie sind häufig schlecht ausgestattet und überlastet. Wer es sich in Indien leisten kann, geht in ein privates Krankenhaus. An eine Behandlung in einem guten privaten Krankenhaus ist für die allermeisten Adivasi finanziell aber gar nicht zu denken. Hinzu kommen kulturelle und sprachliche Barrieren vor allem bei den Älteren. Vor der Gründung des Adivasi-Krankenhauses wäre es den meisten Adivasi der Region nicht eingefallen, in ein Krankenhaus zu gehen.

75% des Personals sind Adivasi. Zwar sind noch keine der Ärztinnen oder Ärzte Adivasi, doch arbeiten die Adivasi kompetent in allen sonstigen Arbeitsbereichen des Krankenhauses, nur einige wenige Angestellte sind Nicht-Adivasi. Am Emfang und in der Kantine, in der Apotheke und im Labor, als Pfleger und Krankenschwestern auf Station und im Operationssaal und mit ambulanten Patienten*innen, bei der Abrechnung und in der Verwaltung, in der Reinigung ebenso wie in der Forschung arbeiten fast ausschließlich Adivasi aus der Region. Ein Großteil der Entscheidungen werden von Adivasi getroffen; bei weiteren Entscheidungen werden die angestellten Adivasi von Ärzt*innen und anderen Expert*innen beraten. Kulturelle und sprachliche Barrieren spielen so kaum eine Rolle für die Dorfbewohner*innen. Gleichzeitig ist der Standard für Hygiene, Pflege und medizinische Behandlung sehr hoch.

Und dies ist der zweite Weg, auf dem die Adivasi vom Rand in die Mitte der Gesellschaft gelangen: Die medizinische Versorgung am Adivasi-Krankenhaus hat einen so guten Ruf, dass auch Nicht-Adivasi hier gern medizinische Behandlung suchen. Das Adivasi-Krankenhaus hat der Bevölkerung der Gudalur-Region etwas zu bieten, Nicht-Adivasi ersuchen Hilfe bei Adivasi. Dabei war die Akzeptanz in der Stadt nicht von Anfang an gegeben; viele Nicht-Adivasi wollten sich zunächst nicht von Adivasi behandelt lassen. Heute ist das Adivasi-Krankenhaus anerkannt. Menschen, welche früher Adivasi gering schätzten, sie auf der Straße ignorierten und denen es nicht eingefallen wäre, mit ihnen Umgang zu pflegen, lassen sich nun von Adivasi pflegen, beraten und behandeln. Das Adivasi-Personal verrichtet seine Arbeit in Würde und mit Selbstbewusstsein. Das Adivasi-Krankenhaus hat Wunder dafür getan, das Selbstbewusstsein der Adivasi zu steigern. Das Adivasi-Krankenhaus ist ein enormer Meilenstein in der Veränderung der gesellschaftlichen Hierarchie.

So ist es großer Erfolg, dass inzwischen selbst sehr viele Nicht-Adivasi das Adivasi-Krankenhaus in Gudalur anderen Krankenhäusern vorziehen. Das Adivasi-Krankenhaus erfreut sich sehr großer und stetig wachsender Beliebtheit aufgrund der ausgezeichneten medizinischen Behandlung. Die Kooperation mit indischen Spezialärztinnen und -ärzten ermöglicht es, am Adivasi-Krankenhaus an ausgewählten Tagen auch Spezialsprechstunden und -operationen durchzuführen.

Krankenhaus 3 ATPFoto: Versorgung eines Säuglings am Adivasi-Krankenhaus (AMS)

Ausstattung des Adivasi-Krankenhauses

Heute hat das Adivasi-Krankenhaus 50 Betten - davon 4 Betten auf der Intensivstation und 12 Betten auf der Entbindungsstation.
Es gibt zwei gut ausgestattete Operationsräume mit der Möglichkeit zur Chirurgie mit Laparoskopie (Bauchspiegelung), Wärmebetten für Säuglinge, eine Blutbank mit Komponententrennung (die einzige solche im Distrikt) sowie die technische Ausstattung für Ultraschall, Röntgen, Mikrobiologie und weitere Untersuchungsmethoden.
Mit der Software Bahmini werden im Krankenhaus alle Daten von den angestellten Adivasi digital erfasst.

Am Adivasi-Krankenhaus werden zudem Patient*innen ambulant versorgt. Direkt im Krankenhaus gibt es ein Labor, eine Apotheke und eine Zahnarztpraxis.

Die fest am Adivasi-Krankenhaus arbeitenden Ärztinnen und Ärzte decken folgende Bereiche ab: Allgemeinmedizin, Anästhesie, Chirurgie, Gynäkologie, Kinderheilkunde, Zahnmedizin.
Weitere Spezialist*innen kommen an ausgewählten Tagen an das Adivasi-Krankenhaus für Behandlungen in laparoskopischer Chirurgie und Gefäßchirurgie, Kinderchirurie, Entwicklungspädiatrie, pädiatrischer Neurologie, Gynäkologie, Kardiologie, Orthopädie, Urologie, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Audiologie, Sprachtherapie etc. Die Radiologie-Abteilung eines Krankenhauses in Vellore unterstützt das Adivasi-Krankenhaus online. All diese Spezialist*innen ermöglichen dem Team des Adivasi-Krankenhauses, in diesem ländlichen Raum der benachteiligten Adivasi-Bevölkerung ein breites Angebot guter medizinischer Versorgung anbieten zu können.

Die Qualität des Gudalur Adivasi Hospital ist vom National Accreditation Board for Hospitals & Healthcare Providers (NABH) anerkannt.

Krankenhaus 4 ATPFoto: Paniya-Adivasi im Adivasi-Krankenhaus (AMS)

Behandlungen am Adivasi-Krankenhaus

Sprechstunden für die ambulante Versorgung gibt es für Adivasi täglich und für Nicht-Adivasi an den meisten Tagen - derzeit an 6 Tagen pro Woche. Wieviele Nicht-Adivasi ambulant versorgt werden, hängt von der aktuellen Zahl der Doktor*innen ab, um die medizinische Versorgung der Adivasi in jedem Fall sicherzustellen. Im Durchschnitt werden etwa 1.000 Adivasi pro Monat ambulant versorgt und 2.000 Nicht-Adivasi. Angesichts der Tatsache, dass die Adivasi in der Region heute eine kleine Minderheit in der Bevölkerung sind, ist der Fokus des Adivasi-Krankenhauses auf die medizinische Versorgung von vor allem Adivasi erkennbar. Zudem sind ambulante wie stationäre Behandlung für die Adivasi kostenlos; die Nicht-Adivasi zahlen die Kosten wie allgemein in privaten Krankenhäusern üblich.

Notwendige Voruntersuchungen werden alle innerhalb eines Tages getätigt; außer es müssen Proben für weitergehende Tests an externe Labors geschickt werden. Das Adivasi-Krankenhaus arbeitet mit Thyrocare zusammen, einem der größten Labore in Indien, weshalb sogar in dieser abgelegenen ländlichen Region fast alle Untersuchungen möglich sind.
Das staatliche Krankenhaus in Gudalur hat einen Computertomographie-Scanner, aber keinen Radiologen. So sendet das Adivasi-Krankenhaus Bilder der Scans zur Radiologie-Abteilung des kooperierenden Krankenhauses in Vellore und erhält die Auswertung innerhalb von 48 Stunden.

Jeweils ein Mal pro Woche finden Ultraschall-Untersuchungen, Magen-Darm-Spiegelungen sowie Wahloperationen (keine Notfalloperationen) statt.
Alle am Adivasi-Krankenhaus entbundenen Säuglinge werden standardmäßig auf Krankheiten untersucht; die ersten Impfungen nach Geburt werden direkt am Adivasi-Krankenhaus vorgenommen.
Die Adivasi-Bevölkerung wird am Adivasi-Krankenhaus auf die erbliche Sichelzellenanämie hin getestet, die in Indien vergleichsweise sehr verbreitet ist. Etwa 300 registrierte Patient*innen mit Sichelzellenanämie erhalten am Adivasi-Krankenhaus vorbeugende und heilende Behandlung.
Seit 2014 ist das Adivasi-Krankenhaus bei Hör- und Sprachbehinderungen bei Kindern aktiv; 2018 wurde am Adivasi-Krankenhaus ein neues Gebäude für die entsprechenden Tests, Gespräche und Therapien eingerichtet.

Die Adivasi der Region werden bei jeglicher Art von Beschwerden am Adivasi-Krankenhaus aufgenommen. 94% der Adivasi-Frauen entbinden heute im Krankenhaus; fast alle am Adivasi-Krankenhaus in Gudalur. Über die Jahre haben sich die sonstigen Gründe für die stationäre Aufnahme verändert: Waren es früher überwiegend übertragbare Krankheiten wie zum Beispiel Tuberkulose, sind es heute vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes etc.

90% der Fälle werden direkt am Adivasi-Krankenhaus behandelt; 10% der Patient*innen werden je nach Bedürfnissen an externe Stellen überwiesen. Die Adivasi-Patient*innen werden in der Regel von einem Team-Mitglied oder jemandem aus dem Dorf begleitet. Für ihre unmittelbaren Bedürfnisse und die medizinische Behandlung erhalten sie die notwendigen Mittel. Dieses Geld stammt aus einem gemeinschaftlichen Gesundheitsfonds (dem Community Health Fund), in welchen alle Adivasi im AMS einzahlen.

Krankenhaus 5 ATPFoto: Vor Gründung des Adivasi-Krankenhauses bietet eine mobile Ambulanz Gesundheitsversorgung für Adivasi (AMS)

Die Entstehung des Adivasi-Krankenhauses

Unsere indische Partnerorganisation ACCORD begann in Gudalur 1986 als eine Organisation, welche die Adivasi in ihrem Kampf um Landrechte unterstützte. Innerhalb von zwei Jahren gründeten sich über 200 Dorfgruppen (sangams), welche sich zum Adivasi-Netzwerk AMS zusammen schlossen, das bis heute die repräsentative Selbsthilfe-Organisation der Adivasi ist.
Doch neben den Problemen des Landverlustes sprachen die Dorfgruppen immer wieder auch die gesundheitlichen Probleme der Gemeinschaft an. Viele Adivasi starben an vermeidbaren Krankheiten, die Mütter- und Kindersterblichkeit waren sehr hoch. Dabei wurde nach Ärzten und Ärztinnen gesucht, die helfen könnten, diese Situation zu verbessern. 1987 war ein erstes indisches Ärzte-Ehepaar gefunden. Ein Jeep diente als mobile Ambulanz, um die Adivasi in den Dörfern gesundheitlich betreuen zu können.

Bald nach der Einrichtung des Dorfgesundheitsprogramms wurde deutlich, dass es nicht alle Bedürfnisse der Adivasi erfüllen konnte. Bei Risiko-Schwangerschaften, Unfällen, schwerem Durchfall und anderen akuten Erkrankungen mussten Patient*innen in ein staatliches oder privates Krankenhaus der Region eingewiesen werden. Allerdings waren die Erfahrungen enttäuschend: In staatlichen Krankenhäusern war die Behandlung oft unzureichend und nicht immer waren Ärzte anwesend; in privaten Kliniken waren die Behandlungskosten sehr teuer. Zudem waren die Adivasi überall weiterhin den Vorurteilen der Gesellschaft ausgesetzt und wurden oft nicht gleichberechtigt mit anderen Patient*innen behandelt.

Ermutigt durch die Erfolge in ihrer dörflichen Gesundheitsarbeit entstand in der Adivasi-Gemeinschaft die Idee eines Adivasi-Krankenhauses. Doch wie sollten Geld, Ärzt*innen und Krankenschwestern unter den Adivasi gefunden werden und wie konnte der Betrieb eines Krankenhauses nachhaltig aufrecht erhalten werden? Die Adivasi diskutierten und entschieden sich trotz aller erwartbarer Schwierigkeiten für das Krankenhaus. Glücklicherweise hatte man auch für dieses Projekt bald ärztliche Unterstützung gefunden: Das indische Ärzte-Ehepaar Shyla und Nandakumar erklärte sich bereit, in Gudalur zu arbeiten - sie tun dies bis heute. Sie brachten als Gynäkologin und Chirurg perfekte Qualifikationen mit. Sie bildeten Adivasi als Krankenschwestern aus.

1990 wurden das Adivasi-Krankenhaus und die Träger-Organisation ASHWINI gegründet. Kurz danach verließ das indische Ärzte-Ehepaar Ärzte Roopa und Deva Gudalur in dem Wissen, die Gesundheitsarbeit gut in die Hände der Ärzte und Adivasi gelegt zu haben. Für die Adivasi-Krankenschwestern war es ein großer Schritt vom dörflichen Alltagsleben zum Drei-Schicht-System im Krankenhaus. Sie mussten nicht nur in Medizin, sondern auch in Mathematik und Englisch unterrichtet werden. Heute sind die Adivasi-Krankenschwestern Expert*innen für Entbindungen, Operationsassistenz und alle Verwaltung bezüglich Patient*innen und Finanzen. Sie werden kontinuierlich weitergebildet. Heute erfahren die Adivasi-Krankenschwestern und -pfleger am Adivasi-Krankenhaus eine zweijährige berufsbegleitende Aus- bzw. Weiterbildung, die ihnen sogar die staatliche Anerkennung gibt.

Es ist eine große Besonderheit, dass der Großteil des Personals am Adivasi-Krankenhaus aus Adivasi besteht. Bis auf die Ärzte und Ärztinnen - leider gibt es bisher keine Adivasi aus der Gudalur-Region, die Medizin studiert haben - arbeiten nur Adivasi der Region am Krankenhaus, die dort auch ausgebildet wurden. Anfangs führte dies zu einigen Konflikten unter den Adivasi, da die Vorurteile zwischen Adivasi unterschiedlicher Gemeinschaften oft nicht einfach zu überwinden waren. Heute spielen solche Streitigkeiten keine Rolle mehr. Im Gegenteil - am Adivasi-Krankenhaus herrscht eine sehr familiäre und angenehme Atmosphäre.

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