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Adivasi-Netzwerk AMS:

Erhalt von Traditionen

 

Belebung von Traditionen und Glaube

Die 15.000 Adivasi, die sich im Adivasi-Netzwerk AMS organisieren, haben ihre eigenen Traditionen. Sie sprechen Adivasi-Sprachen: Paniya, Mullakurumba, Bettakurumba, Kattunaicken und Irula. Sie haben je eigene Traditionen hinsichtlich Kleidung, Schmuck, religiösen Riten und Feiern sowie dörflichem Zusammenleben.

Gemeinsam sind ihnen als indischen Ureinwohner/innen eine enge materielle und spirituelle Beziehung zur Natur. Sie nutzen Waldprodukte für ihren Lebensunterhalt und leben gemeinsam mit der belebten Natur und den Ahnen unter ihnen. Beim Jagen und Sammeln beachten sie vielfältige Regeln des ökologischen Umgangs mit der Natur. Nur einzelne Adivasi sind zum Christentum konvertiert. Die Adivasi sind auch keine Hindus, auch wenn religiöse Feste und Gebetszeremonien (Puja) durch viele Generationen des Zusammenlebens Ähnlichkeiten mit lokalen hinduistischen Traditionen aufweisen und Adivasi durchaus auch hinduistische Tempel besuchen.

Badchi, eine Adivasi der Bettakurumba, sagt über die Religion der Adivasi:
"Es ist unser Glück, dass unsere Götter mit uns in unseren Dörfern und mit unserem Volk leben. So müssen wir sie nicht in einer Moschee, einem Tempel oder einer Kirche suchen. Religion, Konversion, Hindu, Muslim oder Christ zu sein, ist schwer zu verstehen. Für uns sind die Götter wichtig, nicht die Religion."

Dorfälteste leiten religiöse Zeremonien, legen den Tag einer Hochzeit fest, vermitteln im Streit und berufen die Dorfversammlung ein, auch Frauen haben bestimmte Funktionen inne. Die Team-Mitglieder und Leiter der Dorfgruppen (Sangams) arbeiten gut mit den Dorfältesten zusammen.

Im Adivasi-Netzwerk AMS beleben die Adivasi die traditionellen Feste und religiösen Zeremonien ihrer Adivasi-Gemeinschaften. Diese Traditionen wurden wieder belebt, indem die Animator/innen zum Beispiel organisieren, dass in den Dörfern Geld für die Feste gesammelt wird. Ein Mal jährlich führt das Adivasi-Netzwerk AMS ein großes Adivasi-Festival durch, welches alle Adivasi der verschiedenen ethnischen Gemeinschaften miteinander verbindet und zu dem mehrere Tausend Adivasi kommen. Traditionelle Spiele, Musik und Tänze, Wettkämpfe im traditionellen Bogenschießen u.v.m. unterhalten die Adivasi auf dem Fest. Eine gemeinsame Gebetszeremonie, bei der fünf Lichter für die fünf Adivasi-Gemeinschaften entzündet werden, symbolisiert die gemeinschaftliche Identität und den Zusammenhalt als Adivasi.

Die Adivasi haben begonnen, alte heilige Haine (die Kavus) mit gemeinschaftlichen Zeremonien wiederzubeleben. Ein Team von jungen Adivasi kartierte bereits Dutzende solcher Kavu per GPS. Der nächste Schritt ist, die Landrechte an Stätten, welche inzwischen von Nicht-Adivasi widerrechtlich eingenommen wurden oder inmitten von Teeplantagen liegen, geltend zu machen.


Kultur und Bildung

Traditionelles Wissen der Adivasi fließt in die Bildungsarbeit ein und soll lebendig gehalten werden.

Es werden Lieder und Tänze dokumentiert und an der Adivasi-Schule unterrichtet. Die Adivasi-Sprachen werden verschriftlicht in Kooperation mit einem indienweiten Projekt zur Sprachenvielfalt. Bildungsteams arbeiten in den Dörfern mit Adivasi an der Erarbeitung von Bild-Wörterbüchern und einem Alphabet, aufbauend auf der Landessprache Tamil. In der Adivasi-Sprache Paniya wurden bereits überlieferte Geschichten der Paniya aufgeschrieben.

Ein Kulturzentrum der Adivasi als kleines, aber lebendiges Museum der Adivasi ist in Gudalur im Aufbau. Es richtet sich an Gäste in Gudalur ebenso wie an die junge Adivasi-Generation. Das Adivasi-Team des Kulturzentrum bereitet für die monatlichen großen Teamtreffen jeweils eine neue Einlage der kulturellen Bildung vor: mal werden Gerichte aus traditionell gesammelten Waldprodukten gereicht, mal ein Schattenspiel über die Diskriminerung von Adivasi durch Geldverleiher aufgeführt, mal ein Film über nordinische Adivasi.


Die Stellung der Frau

In der Arbeit unserer indischen Partner/innen arbeiten Frauen und Männer gleichberechtigt zusammen. Sie arbeiten zusammen im Team, auch unter der Führung von Frauen, gehen zusammen auf Haus- und Dorfbesuche. Die Adivasi-Schule unterrichtet Mädchen und Jungen zusammen. 

Die Frau in den Adivasi-Gemeinschaften ist traditionell sehr frei und gleichberechtigt - auch wenn es traditionelle Rollen und Aufgaben für Frauen und Männer gibt und Frauen bei der Heirat in der Regel in das Haus ihres Mannes ziehen. Frauen haben die gleiche Stimme wie Männer bei Entscheidungen, bewegen sich frei und haben keine strenge Kleidervorschrift zu befolgen. Mädchen und Jungen lernen und spielen zusammen, Männer und Frauen arbeiten zusammen.

Traditionell war bei den Adivasi der Gudalur-Region die Liebesheirat vorherrschend. Homosexualität allerdings ist auch bei den Adivasi wie insgesamt in der indischen Gesellschaft noch ein Tabu-Thema. Die Partner oder die Partnerin soll zwar aus der gleichen Adivasi-Gemeinschaft kommen, bei den Mullakurumba aber nicht aus dem gleichen Clan, doch ansonsten waren die Mädchen und Jungen frei in ihrer Wahl, Bekanntschaften zu schließen und Beziehungen einzugehen - Bei den Paniya galt ein Mädchen erst dann als fest gebunden, als verheiratet, wenn sie schwanger wurde. Scheidungen und neue Ehen waren möglich und es oblag dem Paar und ihren Familien, zu regeln, wer die Kinder nach einer Trennung aufzog. Zum Teil werden diese relativ freien Regeln noch immer gelebt. Doch insgesamt zeigt sich der starke kulturelle Einfluss der Moralvorstellungen der indischen Mehrheitsgesellschaft auf die Adivasi: Immer mehr junge Adivasi sollen keine nichtehelichen Beziehungen führen, eine arrangierte Ehe eingehen und ihnen ist kaum bewusst, dass es im Zusammenleben der Adivasi vor einer Generation noch ganz anders war. Diese strengeren Moralvorstellungen werden auch immer wieder deutlich, wenn moralisches "Fehlverhalten" in den Teams diskutiert wird und Einzelne auch aus einem Team ausgeschlossen wurden. Dieser kulturelle Einfluss wirkt sich negativ auf die Stellung der Frau aus, auch wenn Adivasi-Frauen vergleichsweise noch gleichberechtigter sind. Unverheiratete oder verwitwete Frauen haben keine Diskriminierung zu befürchten, Mädchen werden gegenüber Jungen nicht benachteiligt.

Ein Problem für die Frauen und Familien ist der Alkoholismus vor allem unter Männern. Die Adivasi-Gesundheitsorganisation ASHWINI kämpft gegen Alholismus, Frauen schließen sich zusammen und treten ihren Männern entgegen.

Ammani, eine Adivasi der Paniya und Leiterin einer Adivasi-Frauengruppe, berichtete:
"Mein Mann ist ein guter Mann und unterstützt mich sehr. Aber er hatte angefangen zu trinken. Das ist etwas, was ich nicht tolerieren kann. Wir hatten im Sangam beschlossen, gegen Alkohol zu kämpfen. Ich hatte ihn einige Male gewarnt. Eines Samstag Abends kam er wieder betrunken nach Hause. Ich schloss die Tür ab und sagte ihm: 'Du kannst die Nacht draußen bleiben, betrunken wirst du dieses Haus nicht wieder betreten.' Es war eine harte Entscheidung, weil es Monsun war und regnete. Er bettelte: 'Wie kannst du so herzlos sein, ich werde krank.' Aber ich blieb dabei. Das war das letzte Mal, dass er betrunken nach Hause kam."

 

Teilen und Unterstützung

Teilen und Solidarität sind traditionell bestimmende Werte im Zusammenleben der Adivasi.

Dörte B. sagte als Theologie-Studentin nach ihrer ersten intensiven Begegnung mit Adivasi:
"Teilen ist schwierig. Es geht dabei nicht nur um das, was man auf den Tisch stellt, sondern darum, ob man alles teilen kann - diesen Unterschied habe ich von den Adivasi gelernt."

Die Gemeinschaft ist zentral für die Adivasi. Entscheidungen werden ausführlich diskutiert und im Konsens getroffen, d.h. eine Entscheidung gilt erst dann, wenn sie von allen mitgetragen wird. Bei einer beratenden Dorfversammlung haben alle die gleiche Stimme bei Diskussion und Entscheidung - auch Kinder und Jugendliche: Als die Adivasi die ersten Dorfgruppen (Sangams) bildeten, um für Landrechte zu kämpfen, legten sie einen niedrigen Monatsbeitrag von 10 Rupien fest, um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Sogar ein Schuljunge wollte sich unbedingt im Sangam engagieren. Er zahlte seine Beiträge zuverlässig. Das Geld dafür verdiente er selbst - auf dem Schulhof beim Murmelspiel. Bei den Diskussionen wurde er ebenso ernst genommen wie die Erwachsenen.

Ihr traditioneller Zusammenhalt ist die Grundlage der Basis-Entwicklungsarbeit der Adivasi. Weil alle Adivasi in Entscheidungen einbezogen werden und eine Idee nur dann umgesetzt wird, wenn alle dahinterstehen, bleiben Solidarität und Unterstützung lebendig. Deshalb sind die Adivasi mit ihrer Entwicklungsarbeit so erfolgreich, deshalb funktioniert hier wirkliche Hilfe zur Selbsthilfe.

So funktioniert die Hilfe zur Selbsthilfe:

Beim Projekt zur Förderung von Gemüseanbau bei Adivasi ab 2015 funktioniert sie zum Beispiel so:

Das Problem der verbreiteten Mangelernährung bei Adivasi führte zu der Idee, Adivasi-Familien mit Gemüsesamen und Anleitung beim Anbau von Gemüse zu unterstützen. Ein kleines Pilotprojekt mit wenigen Adivasi-Familien zeigte die Machbarkeit. Nun sollen bis zu 1.000 Adivasi-Familien von diesem Projekt profitieren.
Auf den monatlichen All Team Meetings des Adivasi-Netzwerks AMS wählen die Adivasi anhand von eigenen Kriterien aus, in welchen Dörfern das Projekt des Gemüseanbaus durchgeführt werden soll. Die in den Dörfern aktiven Animator/innen der Adivasi informieren die Dorfbewohner/innen auf den Dorftreffen über gesunde Ernährung und die Idee des Projekts. Haben sich die Dorfbewohner/innen für das Projekt entschieden, wird es mit den Frauen des Dorfes durchgeführt. Sie erhalten Informationen zu gesunder Ernährung und Gemüseanbau und ein Set Samen und im weiteren Verlauf Beratung und Unterstützung. Die Frauen ziehen auch Samen heran, die an andere Familien weitergegeben werden. So kommt das Projekt im weiteren Verlauf noch mehr Adivasi-Familien zugute.

Die erste Herausforderung bei diesem Projek ist die Akzeptanz der Adivasi. Es ist etwas Neues für die Adivasi heute, zur Verbesserung der eigenen Ernährung gezielt Gemüse anzubauen. Solange die Familien und Dorfbewohner/innen nicht über die Zutaten einer ausgewogenen Ernährung Bescheid wissen, die Bedeutung der Ernährung für ihre Gesundheit nicht verstehen und die gesunden Bestandteile bestimmter Gemüse und Nahrungsmittel nicht schätzen, wird für sie ein mit einem Teller Reis gefüllter Magen ausreichend sein.
Deshalb ist die Arbeit der Animator/innen des Adivasi-Netzwerks AMS so wichtig, zu informieren, aufzuklären, zu beraten, zu begleiten. Dies wird berücksichtigt: mit ausreichend
Zeit arbeiten die Animator/innen für die Akzeptanz des Projekts bei den Dorfbewohner/innen. Erst wenn diese hergestellt ist, wird mit dem Gemüseanbau begonnen.

Die zweite Herausforderung ist, das Projekt nicht für einzelne Familien, sondern mit dem ganzen Adivasi-Dorf durchzuführen, also jeweils mit mehreren Familien zusammen. Nur dann werden sich die Frauen und Familien beim Gemüseanbau und in der Ernährung mit Gemüse gegenseitig motivieren, beraten, unterstützen. Solidarität und Gemeinschaft werden gestärkt statt durch Neid, Missgunst oder Boykott untergraben. Nur in gemeinschaftlicher Durchführung ist ein nachhaltiger, langfristiger Nutzen gewährleistet. Der gemeinschaftliche Ansatz liegt in den Traditionen der Adivasi und wird von Anfang an in allen Aktivitäten des Adivasi-Netzwerks AMS berücksichtigt. Auch deshalb ist die Arbeit der Animator/innen
mit allen Dorfbewohner/innen so wichtig.

 

Werte bewahren und sich mit anderen vernetzen

Das Adivasi-Netzwerk AMS knüpft auch Kontakte über die Region hinaus. Adivasi besuchten zum Beispiel 2004 das Weltsozialforum im indischen Mumbai, halfen 2005 nach dem Tsunami Adivasi-Fischer an der Ostküste mit personeller Unterstützung, besuchen Adivasi und Kooperativen in anderen Teilen Indiens und kooperieren mit ihnen auch in ihrem alternativen Handelsnetzwerk "Just Change".

Auch die regelmäßig von uns organisierten Besuche einer Gruppe von Adivasi in Deutschland tragen dazu bei, dass sich die Adivasi ihrer bewahrenswerten Traditionen und Werte bewusst werden.

Shanthi, eine Adivasi der Paniya und Lehrerin an der Adivasi, sagt nach ihrem Besuch in Deutschland:
"Mein Vater und die alten Leute haben uns immer gesagt, wie wichtig es ist, dass wir unsere Kultur bewahren. Aber für mich waren das nur Worte. Als wir Deutschland besuchten und so viele Menschen unsere Geschichten hören wollten, unsere Musik, unsere Tänze sehen wollten, das war beeindruckend. Ich habe ich verstanden, wie wichtig das Teilen ist, das wir Adivasi für so selbstverständlich halten. Menschen, die ihren Sinn für Gemeinschaft und Teilen verloren hatten, beneideten uns. Erst da habe ich begriffen, wie wir das alles verlieren könnten, wenn wir es nicht bewahren. Indem wir unser Zuhause verließen, lernten wir, unser einfaches Leben viel mehr schätzen."

Eine besondere Herausforderung ist die Bewahrung traditioneller Werte der Adivasi wie Genügsamkeit, Teilen und solidarische Unterstützung in der heutigen Zeit. Der Wunsch, diese zu bewahren, bestimmen Diskussionen, Entscheidungen und die Entwicklungsarbeit der Adivasi. Auch wenn dies bedeutet, Ideen nicht schnell umsetzen zu können. Adivasi-Läden, welche Produkte des Handelsnetzwerks "Just Change" unter den Adivasi verkaufen, gibt es als sinnvolle Idee. Sie können aber erst aufgebaut werden, wenn sich die Adivasi über deren Betrieb im Einklang mit ihren gemeinschaftlichen Traditionen geklärt haben. Denn ein Laden kann nicht funktionieren, wenn Nachbarn und Verwandte kostenlos profitieren. Aber gewollt Strukturen solidarischen Teilens zu boykottieren, wäre kontraproduktiv.

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