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Adivasi: Lebenssituation


Entwicklung im unabhängigen Indien:

Mit der Unabhängigkeit 1947 sollte ein demokratisches Indien entstehen mit Gerechtigkeit, Freiheit und Chancengleichheit für alle. In der Verfassung sind allen die Bürgerrechte garantiert, ist Diskriminierung verboten und wird eine staatliche Politik zum Wohle der Allgemeinheit vorgeschrieben. Minderheiten haben laut Verfassung das Recht, ihre eigene Kultur zu bewahren. So sollte z.B. der Unterricht in der Primarstufe in der jeweiligen Muttersprache abgehalten werden. Die Lebenssituation der Adivasi sollte verbessert werden. Dafür wurden Gesetze, Bestimmungen und Programme geschaffen – von Schutzgesetzen (z.B. gegen den Verkauf von traditionellem Adivasi-Land) und Quotenregelungen (z.B. für Universitäten) über Entwicklungsprojekte bis hin zu einigen halbautonomen Adivasi-Gebieten (scheduled areas). Insgesamt war jedoch die Anpassung der Adivasi an die Mehrheitsgesellschaft das Leitbild.

Doch noch immer sind die Adivasi benachteiligt. Ihre Lebensbedingungen änderten sich trotz einiger Verbesserungen z.B. hinsichtlich der Alphabetisierung nicht grundlegend, ihre Benachteiligung bleibt bis heute bestehen. Der indische Bundesstaat Jharkhand weckte bei seiner Gründung im Jahr 2000 hohe Erwartungen als "Adivasi-Staat", konnte sie aber nicht erfüllen. Von der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen dieses rohstoffreichen Bundesstaates profitiert die ländliche Bevölkerung gar nicht oder kaum. Korruption ist ein großes Problem. Viele der gut gemeinten Gesetze wurden in der Praxis nur unzureichend umgesetzt und kontrolliert. Entwicklungsprojekte berücksichtigten zu wenig die realen Bedingungen vor Ort und die spezifischen Bedürfnisse der Adivasi. Auf ihre traditionelle Lebensgrundlage, den Wald, hatten sie keine Rechte. Erst seit wenigen Jahren können Adivasi dank eines neuen Gesetzes, dem Forest Rights Act, Landrechte auf traditionell besiedeltes Land erhalten, dürfen sie Waldprodukte nutzen und haben ein Recht auf Entschädigung im Fall von Vertreibungen. Diese Rechte gelten jedoch nicht automatisch, sondern müssen im Einzelfall geltend gemacht werden.

Vom Wirtschaftswachstum in Indiens profitieren die Adivasi nicht, obwohl oder gerade weil ihre Siedlungsgebiete reich an Bodenschätzen sind. Mit der zunehmenden Zerstörung der Wälder durch industrielle Nutzung, für Infrastrukturprojekte und durch illegalen Holzeinschlag sowie der Vertreibung der Adivasi aus industriell genutzten oder zu Schutzgebieten erklärten Wäldern verloren viele Adivasi ihre traditionelle Lebensgrundlage. Die Nahrungsvielfalt mit Waldprodukten und Wildtieren wird immer geringer und das Wissen um traditionelle Heilkräuter geht zunehmend verloren. Ohne das Gemeinschaftseigentum Wald sind das Sozialgefüge und die überlieferten Traditionen der Adivasi gefährdet. Überwiegend leben die Adivasi heute von der Landwirtschaft. Aber eigene Felder haben nur wenige, und diese häufig auf schlechtem Boden. Ihr eigentlich gesetzlich geschütztes Land verlieren sie oft durch Betrug und Verschuldung an Nicht-Adivasi – und an den indischen Staat. Denn im Interesse des „Gemeinwohls“ werden die Adivasi von ihrem Land vertrieben: für Industrieprojekte, Siedlungen, Bergbau, Staudämme oder Plantagen. Entschädigung erfolgt nur selten und wenn, ist sie völlig unzureichend. Ohne Land und Lebensgrundlage werden die Adivasi Landarbeiter auf fremdem Boden, Tagelöhner oder sie migrieren auf der Suche nach Arbeit in die Städte, wo sie jedoch selten bessere Lebensbedingungen finden und den Rückhalt ihrer Traditionen häufig ganz verlieren.


Armut:

Etwa acht von zehn Adivasi in Indien leben unter der offiziellen Armutsgrenze Indiens (laut indischer Fachliteratur von 1999). Als Kleinbauern, Landlose und Tagelöhner leben sie von der Hand in den Mund. Verschuldung bei Grundbesitzern und Geldverleihern ist unter den Adivasi-Familien weit verbreitet – viele wurden durch horrende, z.T. dreistellige Zinsforderungen in die Schuldknechtschaft getrieben, die offiziell in Indien verboten ist. Manchmal sind Kinder verschuldeter Eltern schon von klein auf als Dienstmädchen oder Hirten dem Gläubiger verpflichtet. Obwohl immer wieder Adivasi durch staatliche Kredittilgung aus ihrer Schuldknechtschaft befreit wurden, leben nach wie vor ungezählte Männer, Frauen und Kinder in dieser Zwangsarbeit, denn an ihrer Armut hat sich nichts geändert.


Mangelnde Bildung

41% der Adivasi in Indien sind Analphabet/innen.

Mangelnde Bildung ist generell ein Problem in Indien für weite Teile der Bevölkerung. Laut der jüngsten Bevölkerungszählung (Census of India 2011) sind 27,0% der Bevölkerung Indiens Analphabet/innen - etwa 283 Millionen Menschen: 19,1% der Jungen und Männer sowie 35,4% der Mädchen und Frauen ab 7 Jahren. Weitere 2,9% der Bevölkerung haben keinen Grundschulabschluss. Auf dem Land, wo 69% der Bevölkerung leben, ist die Situation schlechter als in den Städten: Auf dem Land sind 32,2% der Bevölkerung Analphabet/innen. Besonders benachteiligt sind die Adivasi: 41% von ihnen sind Analphabet/innen: 31,5% der Adivasi-Männer und 50,6% der Adivasi-Frauen. Weitere 2,6% der Adivasi haben keinen Grundschulabschluss. Etwa jeder dritte Adivasi-Mann in Indien und jede zweite Adivasi-Frau in Indien können nicht lesen und schreiben.

Ohne Bildung haben Adivasi keinen Zugang zu besseren Arbeitsplätzen oder zu den Industrien, denen sie weichen mussten. Ohne Grundbildung können die Adivasi leicht ausgebeutet werden: Ihnen wird nicht der gesetzliche Mindestlohn gezahlt; sie bekommen zu wenig für den Verkauf ihrer Produkte; zahlen zu viel; werden in Verträgen betrogen und verlieren ihr Land. In den abgelegenen Adivasi-Dörfern gibt es kaum Schulen oder nur unregelmäßigen Unterricht.

Unterrichtet wird an öffentlichen Schulen in der den Adivasi-Kindern meist unbekannten Landessprache, was sich auf ihre Ergebnisse auswirkt. Die Adivasi-Kulturen werden in den Lehrplänen nicht berücksichtigt und die Adivasi-Kinder so von ihren Traditionen entfremdet. Die von der Mittelschicht bevorzugten privaten Schulen, welche in Englisch unterrichten, sind den Adivasi aufgrund der Gebühren ohnehin verschlossen. Höhere Schulbildung ist für Adivasi-Kinder schwieriger zu erreichen und so sind sie an den Universitäten unterrepräsentiert, obwohl spezielle Quoten für Adivasi ihre Bildung besonders fördern sollten.


Schlechte Gesundheit:

Der Gesundheitszustand der Adivasi ist vergleichsweise schlecht. Sie leiden unter den „Krankheiten der Armut“ wie Magen-Darm-Infektionen oder Tuberkulose, die auf schweren Mangelerscheinungen beruhen und unter unhygienischen Lebensbedingungen und schlechten Wohnverhältnissen besonders gut gedeihen. Mit ausreichender Ernährung, sauberem Trinkwasser und besseren sanitären Verhältnissen könnten drei Viertel dieser Krankheiten vermieden werden. Die ländliche öffentliche Gesundheitsversorgung ist v.a. in Adivasi-Gebieten unzureichend; private Behandlung können sich die meisten Adivasi nicht leisten. Zudem hat Schulmedizin bei vielen ein geringes Ansehen, doch infolge der Waldzerstörung bricht die traditionelle Kräuterheilkunde zusammen.


Hilfe zur Selbsthilfe

Um die Lebenssituation der Adivasi nachhaltig zu verbessern, werden Gesetze und Regelungen verabschiedet sowie Entwicklungsprojekte durchgeführt. Häufig müssen sie jedoch noch besser geplant und umgesetzt werden – mit den Adivasi gemeinsam.

Hierbei leisten unsere indischen Partner/innen im südindischen Gudalur auch eine wichtige Arbeit: Sie leisten Lobbyarbeit bei Regierungsstellen in Tamil Nadu oder in der Hauptstadt Delhi: dass staatlich zur Verfügung gestellte Häuser mit den Adivasi geplant und gebaut werden, dass Adivasi als Lehrer/innen in den Internatsschulen für Adivasi und als Krankenschwestern oder schlicht als kulturelle und sprachliche Dolmetscher/innen in den staatlichen Gesundheitszentrum (Primary Health Centres) beschäftigt werden und vieles mehr.
Nicht nur in der Gudalur-Region, sondern überall in Indien setzen sich Adivasi in Bewegungen oder Nichtregierungsorganisationen für ihre Rechte ein. In Gudalur demonstrieren Adivasi für ihre Rechte, kämpfen um Bildung, Landbesitz und Arbeit, machen auf Amtsmissbrauch und Korruption aufmerksam und entwickeln Alternativen, vermitteln ihre Traditionen den Jüngeren, organisieren sich in Dorfgruppen (Sangams) und stehen auch im Kontakt mit anderen Adivasi-Gruppen in Süd- und Nordindien.

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