Über uns.jpg

ATP - Über Adivasi

Adivasi-Netzwerk AMS:

Alternatives Handelsnetzwerk "Just Change"

 

Das ist "Just Change"

Just Change ist ein Handelsnetzwerk, welches Produzent/innen, Konsument/innen und Investor/innen gleichberechtigt miteinander verbindet, zum gegenseitigen Nutzen.

"Just Change" lässt sich übersetzen mit "Gerechter Wandel", aber auch mit "Verändere es einfach, jetzt".

In dem vom Adivasi-Netzwerk AMS 2006 mit initiierten alternativen Handelsnetzwerk "Just Change" vermarkten die Adivasi ihre Produkte zu fairen Preisen im Tausch mit anderen indischen Kooperativen. Während einerseits die gemeinschaftliche Vermarktung den Produzent/innen eigene Einnahmen bringt, werden durch den gegenseitigen Handel mit täglichen Konsumgütern wie z.B. Tee oder Kokosnussöl gleichzeitig die Lebenssituationen der anderen Beteiligten verbessert. Eine sozial gerechte und ökologisch nachhaltige Wirtschaft wird befördert. Statt von einem freien Markt an den gesellschaftlichen und ökonomischen Rand gedrängt zu werden, gestalten marginalisierte Bevölkerungsgruppen den Handel zum gegenseitigen Nutzen aktiv mit, denn bei "Just Change" bestimmt nicht allein das eingebrachte Kapital. Beim Handelsmodell von "Just Change" sind Produzent/innen und Konsument/innen sowie auch Investor/innen gleichwertig am Gewinn beteiligt. 

Stan Thekaekara, Begründer von "Just Change":
"Soziale Unternehmer/innen müssen erkennen, dass unser gegenwärtiger Markt das Problem ist - und deshalb kann man keine Lösung innerhalb dieses Marktes finden. So, wie der Markt strukturiert ist, wird Ungleichheit geschaffen. Der gegenwärtige Markt ist das Problem und kann niemals die Lösung sein. Eine Alternative muss die Lösung sein.  ... Ich glaube an das Gute im Menschen. Menschen ändern ihr Verhalten, wenn sie die Chance dazu haben. Was wir momentan nicht haben, ist eine Handelsstruktur, welche den Menschen erlaubt, sich anders zu verhalten."

 

Das Problem

69 % der Bevölkerung Indiens lebt auf dem Land (2011), 32 % der ländlichen Bevölkerung sind Analphabet/innen, Mädchen und Frauen sind häufiger Analphabet/innen als Jungen und Männer. Von den Adivasi, den indischen Ureinwohner/innen, leben sogar 90 % auf dem Land, und 41 % der Adivasi sind Analphabet/innen. Etwa jeder dritte Adivasi-Mann in Indien und jede zweite Adivasi-Frau in Indien können nicht lesen und schreiben. Millionen Produzent/innen in Landwirtschaft und Kleingewerbe fehlen Bildung und Kapital. Ihnen ist die gleichwertige Teilhabe am Markt, die Mitbestimmung an Handelsprozessen zum eigenen Nutzen verwehrt. Im freien Markt werden diese marginalisierten Bevölkerungsgruppen weiter an den Rand gedrängt, in Armut, Verschuldung, Perspektivlosigkeit für die nächste Generation.

 

Die Erfahrung: Abhängigkeit vom Weltmarkt

Dank des Adivasi-Netzwerks AMS wurden aus Tagelöhnern Teebauern: 1986 begannen die landlosen, verarmten und von der Gesellschaft ausgeschlossenen Adivasi in der Gudalur-Region der südindischen Nilgiris-Berge, sich zu organisieren und um Landrechte zu kämpfen, das Adivasi-Netzwerk AMS entstand. Der Kampf für Land- und Waldrechte hält noch immer an, doch über die Jahre erhielt die Mehrheit der Adivasi Landrechte zwischen 2.000 m² und 1,2 ha zugesprochen. Adivasi-Familien begannen, mit Unterstützung von AMS und ACCORD Tee anzubauen: Denn die Teepflanzen, die bis zu 100 Jahre alt werden können, sichern den Adivasi den Landbesitz. Da Tee kontinuierlich geerntet werden kann, sind regelmäßige Einnahmen möglich. Und mit dem Eintritt in den Hauptwirtschaftszweig der Nilgiris-Berge gingen die Adivasi den Schritt in die Mitte der Gesellschaft, gewannen Anerkennung und Selbstbewusstsein. Aus den Tagelöhnern waren Teebauern geworden, das monatliche Einkommen der Familien stieg um das Sechsfache an: von 400-600 Rupien auf 2.500-4.000 Rupien. Die Abhängigkeit der Adivasi von lokalen Landbesitzern schien für immer gebrochen. 1998 kauften AMS und ACCORD eine 70 Hektar große Teeplantage als Landbesitz für die Adivasi mit der Vision, durch gemeinschaftlichen Teeanbau langfristig Einnahmen für die Bildungs- und Gesundheitsarbeit des Adivasi-Netzwerks zu schaffen.

Dann brachen in der zweiten Hälfte der 90er Jahre die Teepreise ein und entzogen der lokalen Ökonomie den Boden. Bis dahin bekamen Adivasi pro Kilogramm Teeblätter 18 bis 20 Rupien - plötzlich nur noch 10, dann 6 Rupien und manche Monate lediglich 3 Rupien pro Kilogramm Teeblätter. Adivasi und andere Kleinbauern protestierten öffentlich, aber die Regierung kommentierte, sie könne nichts machen, da sich die Preise durch die Marktkräfte bestimmten. Während die Adivasi bei der Verletzung ihrer Landrechte gegen Landdiebe demonstrieren und rechtlich vorgehen konnten, erfuhren sie nun, dass der freie Markt ein anonymer Widersacher ist, gegen den sie als Kleinbauern nichts unternehmen und den sie nicht mitgestalten können.

Grafik-Teepreise webACCORD und ihr Partner ActionAid in Großbritannien fanden heraus, dass zwar die Preise für die Produzent/innen eingebrochen waren, aber die Verbraucherpreise nicht gesunken und in einigen Fällen sogar gestiegen waren. Zeitgleich zum Preiseinbruch für die Produzent/innen verkündeten große Teefirmen wie Tata Tea oder Unilever 40 % Gewinne für ihre Anteilseigner.

Heute sind die Teepreise für Nilgiris-Tee etwa 40 % niedriger als Anfang der 1990er Jahre, denn die Nachfrage nach Nilgiri-Tee auf dem Weltmarkt ist gesunken, u.a. durch die Verbilligung von indonesischem Tee, durch den Ausbau von Teeplantagen im Nordosten Indiens sowie aufgrund der vergleichsweise geringeren Qualität des Tees gegenüber Premiumsorten. 

 

Die Erkenntnis: Fairer Handel ist gut - aber reicht nicht aus

Das Ziel des Fairen Handels ist es, sicherzustellen, dass die Produzent/innen unter menschenwürdigen Bedingungen arbeiten und leben können und im Produktionsprozess die Umweltressourcen geschont werden. Im Fairen Handel zahlen die Händler einen fairen Preis für die Produkte, der die Deckung von Produktionskosten und faire Löhne beinhaltet sowie einen Mehrwert für Entwicklungsmaßnahmen für die Produzent/innen vor Ort, für Investitionen in Bildung und Gesundheit für Dorfgemeinschaften zum Beispiel. Die Handelsbeziehungen sind langfristig und es gibt Möglichkeiten zur Vorabfinanzierung. Die Produzent/innen sind gemeinschaftlich in demokratisch organisierten Kooperativen organisiert oder streben dies mit Hilfe von Vertragspartner/innen an: Alle Kleinbauern und Produzent/innen sind an Entscheidungen beteiligt, die Gewinne werden aufgeteilt. Selbstverständlich ist es Bedingung im Fairen Handel, dass soziale Rechte, sichere Arbeitsbedingungen und betriebliche Mitbestimmung gewährleistet sind.

Damit ist klar: Fairer Handel ist gut und unbedingt unterstützenswert. Auch die Adivasi der Gudalur-Region handeln Tee, Pfeffer und Seifen im Fairen Handel mit Partner/innen in Großbritannien sowie in Deutschland in Partnerschaft mit uns, Weltläden und Kirchengemeinden. Jedes Produkt, was ich als Konsument/in im Fairen Handel kaufe, ist ein Gewinn für Kleinbauern und Produzent/innen und sichert diesen faire Lebensbedingungen.

Doch in der Gudalur-Region wurde unseren indischen Partner/innen klar, dass der Faire Handel allein den Lebensunterhalt für die Hunderte Adivasi-Familien im Teeanbau nicht würde decken können. Bei geringen Weltmarktpreisen brachte selbst ein Aufpreis im Fairen Handel, aufgeteilt auf die gesamte Produktionskette, nur einen geringen Mehrwert für den einzelnen Adivasi-Teebauern. Zudem konnten und können lediglich zwischen 2 % und 10 % der Tee-Ernte der Adivasi im Fairen Handel mit Großbritannien und Deutschland abgesetzt werden, trotz einer kurzzeitigen Zusammenarbeit mit dem größten Fairhandels-Importeur gepa und einer zehn Jahre währenden Zusammenarbeit mit dem Fairhandelshaus El Puente in Deutschland. Der Umsatz im Fairen Handel wächst in Deutschland seit zehn Jahren kontinuierlich an; 2014 stieg der Umsatz um 31 %. Doch ist Fairer Handel noch immer eine Nische gegenüber dem konventionellen Handel, sichtbar am Produkt Kaffee: Kaffee ist das meistverkaufte Produkt im Fairen Handel - der Absatz von fair gehandeltem Kaffee verdoppelte sich innerhalb der letzten vier Jahre - und trotzdem sind nur 3 von 100 Tassen Kaffee in Deutschland fair gehandelt. Entsprechend verhält es sich mit Tee im Teetrinkerland Großbritannien. In Deutschland wird Tee wesentlich weniger getrunken als Kaffee: Während 2014 in Deutschland 15.700 Tonnen fair gehandelter Kaffee verkauft wurden (13 % mehr als im Vorjahr), waren es 2014 lediglich 375 Tonnen fair gehandelter Tee - genauso viel wie im Vorjahr. (Quelle: http://www.forum-fairer-handel.de/fairer-handel/zahlen-fakten/).

Der Faire Handel reicht quantitativ (noch) nicht aus. Aber er hat noch weitere Beschränkungen. Der Adivasi Bomman findet, der Faire Handel ist nicht fair für die Konsument/innen. Er und sieben weitere Adivasi waren 1997 erstmals als unsere Gäste in Deutschland und besuchten Weltläden und Schülerfirmen, lernten Ehrenamtliche und Unterstützer/innen kennen, die unseren fair gehandelten Adivasi-Tee auf Ständen, Märkten und beim Evangelischen Kirchentag verkauften. Bomman brachte den Beziehungsaspekt ein und stellte in Frage, dass es nur um bessere Preise geht.

Bomman, Sekretär im Adivasi-Netzwerk AMS, sagte:
"Diese Menschen hier verkaufen unseren Tee, weil sie uns unterstützen wollen. Das heißt, sie sind unsere Freunde. Wenn sie aber unsere Freunde sind - dann sollten sie weniger für unseren Tee bezahlen statt mehr."

Als größte Beschränkung des Fairen Handels erkannten unsere indischen Partner/innen aber, dass der Faire Handel, so lobenswert er auch ist, die Marktstrukturen nicht wirklich verändert. Auch im Fairen Handel liegt die Macht bei den Kapitaleignern. Die Verlagerung vom konventionellen Handel zum Fairen Handel bringt lediglich eine Verlagerung vom ausbeuterischen Kapital zum wohlwollenden Kapital mit sich - aus dem Wunsch, Gutes zu tun, zahlen die Händler/innen und Konsument/innen mehr; aber die Produzent/innen sind weiterhin abhängig. Was die wohlwollend höheren Preise mit sich bringen, ist auch, dass der Faire Handel Produkte außer Reichweite von armen Konsument/innen stellt.

 

Die Erkenntnis: Adivasi können Handel gestalten

Die Adivasi in den Nilgiris-Bergen sind von den lokalen Händler/innen abhängig. Fast alle Produkte des täglichen Bedarfes kaufen sie bei zugezogenen Händler/innen ein, im nächsten Straßendorf, in der Stadt Gudalur, mit ihrem Einkommen als Tagelöhner oder Teebauern. Das, was die Adivasi an Obst, Gemüse oder auch Reis anbauen, dient dem Eigenverbrauch und reicht auch dafür nicht völlig aus. Die Adivasi wohnen abgelegen und sind nicht sehr mobil, sind arm und können sich Preisvergleiche, billigere Saison- oder Großeinkäufe nicht leisten. Sie sind von den lokalen Händler/innen abhängig, zahlen die vorgegebenen Preise und verschulden sich auch bei den Händlern zu schlechten Konditionen.

Doch als Konsument/innen haben auch die Adivasi eine Macht. Dies wollten sie verstehen und starteten 2004 im Dorf Kozhikolli ein Experiment. Die Adivasi schlossen sich zusammen und kauften eine größere Menge Reis zu einem günstigen Preis. Einen Monat lang verkauften sie gemeinschaftlich den Reis preiswert in ihrem Dorf. Alle, die mit jeder Rupie rechnen müssen, kamen und kauften hier günstig. Die Adivasi beobachteten, wie der Ladenbesitzer im Dorf immer weiter die Preise senkte. Sie verstanden, mit welcher Gewinnmarge er seinen Wohlstand vergrößerte, während ihre Armut blieb. Sie verstanden, wie abhängig sie von ihm waren und wie sie seinen Wohlstand mehrten. Aber sie sahen auch, wie abhängig der Händler von ihnen als Konsument/innen war.

 

"Just Change" entsteht

Die Adivasi untersuchten 2004 auch, wofür sie Geld ausgeben. Das Ergebnis: 58% der jährlichen Gesamtausgaben einer Familie in Höhe von 25.000 Rupien (damals etwa 450 Euro) wurden für Alltägliches wie Essen und Kleidung ausgegeben. Das hieß, 2.500 Adivasi-Familien gaben jährlich die unglaubliche Summe von 36 Millionen Rupien (fast 650.000 Euro) für Essen und Kleidung aus. Das Gedankenexperiment ging weiter. Die Adivasi (die Tee anbauten) hatten Kontakte geknüpft zu Produzent/innen in Kerala (die Kokosnussöl und Seife herstellten) sowie in Orissa (die Reis und Dal anbauten) und überlegten gemeinsam: Die 36.500 Familien in ihren Kooperativen geben jährlich 220 Millionen Rupien nur für fünf Alltagsprodukte aus: 3,9 Millionen Euro nur für Reis, Kokosnussöl, Tee, Seife und Dal (Linsen).

Was für eine Summe war das, was für ein Markt, was für eine Macht, wenn sie den Handel miteinander gemeinsam gestalten könnten!

Bereits in den 1990ern hatten die Adivasi in Gudalur und Weberinnen in Madurai die Erfahrung gemacht, dass sie miteinander zum gegenseitigen Nutzen handeln können. Eine Gruppe von Weberinnen verkaufte ihre handgewebten Saris beim monatlichen All Team Meeting in Gudalur für 125 Rupien. In Gudalur bezahlte man für vergleichbare Saris 250 Rupien - und in Madurai bekamen die Weberinnen nur 75 Rupien. Der Tee in Madurai wiederum kostete in Gudalur das Zwei- bis Dreifache dessen, was er in Gudalur kostete. Die Weberinnen kauften von dem Gewinn aus dem Sariverkauf Tee und verkauften diesen in Madurai weiter. 

2006 wurde die "Just Change India Producer Company Limited" (JCIPC) in Gudalur gegründet - vom Adivasi-Netzwerk AMS in Gudalur im Bundesstaat Tamil Nadu, vom Frauen-Selbsthilfegruppen-Netzwerk SAWARD in Kozhikode im Bundesstaat Kerala, vom Frauen-Selbsthilfegruppen-Netzwerk BVM in Nilambur im Bundesstaat Kerala sowie von der Adivasi-Organisation SVA im Bundesstaat Orissa. Sie begannen, zunächst mit drei Produkten zu handeln - mit Tee, Reis und Kokosnussöl. 100.000 Rupien Kapital wurden generiert durch die Vergabe von Anteilen an diese vier Gruppen, 10.000 Anteile für je 10 Rupien. Organisatorisch wird "Just Change" zudem vom Just Change Trust getragen, im Stiftungsrat sind die Produzent/innen-Gruppen und indische Expert/innen als Mitbegründer von "Just Change" vertreten. 

 

"Just Change" heute

Seidem ist das alternative Handelsnetzwerk "Just Change" gewachsen. Heute ist "Just Change" in 250 Dörfern in vier indischen Bundesstaaten aktiv, mindestens 10.000 Familien profitieren direkt. Es gibt Handelskontakte mit Erdnussbauern im Bundesstaat Andhra Pradesh. Fischerfrauen in Nagapattinam an der Ostküste Tamil Nadus brechen ihre Abhängigkeit vom Fischabsatz auf, indem sie auch Adivasi-Tee vermarkten - bis 2014 fünf Tonnen Tee. Eine Kooperative in Madurai in Tamil Nadu beteiligt sich mit dem Handel von Chilli, Koriander, Tamarinde und Dal (Linsen). Gehandelt wird mit einem Netzwerk von 700 Reisbauern in Tamil Nadu. Erste "Just Change"-Läden arbeiten in Kerala - ähnlich den in Deutschland entstandenen Regionalläden werden hier so weit wie möglich die Produkte des täglichen Bedarfs von lokalen Kleinfarmern, Kooperativen und Kooperativen im "Just Change"-Netzwerk verkauft. Vielversprechende Kontakte gibt es zu den 13 Theeramythri Supermärkten in Kerala, die von je 20 Frauen der Fischer-Gemeinschaft, betroffen vom Tsunami 2004, gemeinschaftlich geführt werden. Großes Potential bieten die Kudumbashree Consumer Groups in Kerala: Dieses 1998 von der Regierung Keralas gegründete Netz von Klein-Manufakturen, Home Shops, Food Festivals, Caterings und Cafés hat 3,7 Millionen Mitglieder und erreicht 50% der Haushalte im Bundesstaat Kerala. Erste Kontakte gibt es bereits.

"Just Change" verbindet Konsument/innen und Produzent/innen - und mit diesen Beziehungen werden Entscheidungen anders getroffen. Delegierte der Frauen-Selbsthilfegruppen in Kerala kamen zu Besuch zu den Adivasi-Teebauern nach Gudalur. Bei diesem Besuch wollten die Frauen eigentlich eine Preissenkung für den Tee erfragen. Aber als sie sahen, wieviel Arbeit im Tee steckt und wie schwer es die Teebauern haben, beschlossen sie stattdessen, ihren Frauengruppen eine Preiserhöhung um 10 Rupien vorzuschlagen und so kam es dann auch.

"Just Change" vernetzt Konsument/innen und Produzent/innen auch mit Investor/innen. Ohne Kapital geht es nicht - denn die Produzent/innen können nicht auf Bezahlung warten und die Konsument/innen bezahlen in der Regel nicht vorab. Dies Problem ist global und so zahlen in den hierzulande entstehenden Farmen der "Solidarischen Landwirtschaft" die teilnehmenden Konsument/innen vorab für die Produkte der kommenden Saison, um den Bauern Arbeitskapital zu ermöglichen.

2012 startete "Just Change" ein Pilotprojekt mit Partizipativem Kapital im Handel mit einem Netzwerk von 700 Reisbauern an der Ostküste Tamil Nadus. "Just Change" kaufte dank des Partizipativen Kapitals von Just Change und Unterstützer/innen 20 Tonnen Reis, mahlte den Reis und kochte die Hälfte zweifach vor, wie es marktüblich ist in Kerala, und verkaufte den Reis - zur Hälfte an die Just Change-Läden in Kerala, zur Hälfte an den offenen Markt. Ein Profit von 8 % wurde erzielt - mit größerer Erfahrung und Effizienz seien auch 12 % möglich, errechneten die Beteiligten. 

"Just Change" wurde gegründet, um die negativen Auswirkungen der freien Marktökonomie für benachteiligte Gemeinschaften zu verringern - und diese zu befähigen, als gleichberechtigte und starke Partner am Marktgeschehen teilzunehmen. 

Markt-GrafikDabei arbeitet "Just Change" mit Organisationen, die bereits erfolgreich mit Gemeinschaften für sozialen Wandel arbeiten. Eine Mitgliedsgruppe umfasst mindestens 2.000 teilnehmende Familien. Die Gruppen sollen gleichzeitig Produzent/innen und Konsument/innen sein. Neben den gegenseitigen Handelskontakten zwischen Mitgliedsgruppen gibt es auch Handelskontakte zu Gemeinschaften, die noch nicht Mitglied geworden sind, es aber werden können. Auch werden Produkte von den Produzent/innen auf dem offenen Markt verkauft, wenn der Absatz im Netzwerk nicht ausreicht. Und schließlich kann "Just Change" als Großhändler agieren und ein Produkt, momentan Reis, auf dem offenen Markt einkaufen und damit den Mitgliedsgruppen ein besseres Produkt zu einem günstigeren Preis anbieten. Ziel von "Just Change" ist es, auch den Reis als "Just Change"-Produkt anzubieten, wie dies im Pilotprojekt gelang. Für diese und weitere Aktivitäten ist "Just Change" auf der Suche nach Kapital.

 

Partizipatives Kapital

2011 wurde das Partizipative Kapital ins Leben gerufen, von "Just Change" in Zusammenarbeit mit dem Global Institute for Tomorrow bei einer Konferenz in Bangalore. Im März 2012 startete das Pilotprojekt des Partizipativen Kapitals - der erfolgreiche Handel mit 20 Tonnen Reis zwischen einem Netzwerk von Reisbauern an der südindischen Ostküste und den Just Change-Läden und dem Konsument/innen-Netzwerk an der südindischen Westküste.

Eine Herausforderung bleibt es, Kapital einzuwerben.

Stan Thekaekara, Begründer von "Just Change":
"Ein soziales Unternehmen kann sehr leicht Kapital einwerben, denn es gibt einen Überschuss an Kapital in der Welt. Es gibt Fonds für soziale Unternehmen und sogar Banken sind heute bereit, Kapital für soziale Unternehmen zu geben. Wenn man also ein Geschäftsmodell hat und ein Unternehmen, das zeigt, dass Profit möglich ist, dann ist die Aquirierung von Kapital überhaupt kein Problem. Aber wenn du ein unternehmerisches Modell hast, welches versucht, Veränderung herbeizuführen, die Spielregeln zu verändern, so wie wir das mit 'Just Change' anstreben, dann ist es schwierig, Kapital einzuwerben, weil die traditionellen Kapitalquellen unsere Arbeit finanziell als hoch riskant einschätzen. Wir sind riskant, weil wir entdecken, weil wir Neues erdenken und erschaffen, innovativ sind und weil wir keinen Beweis haben, das unser Modell funktionieren wird etc. etc. Unser Wachstum ist auch sehr langsam, weil wir organisch wachsen. Wir versuchen, die Jahrhunderte alte Art und Weise des Handels zu verändern. Wir können also nicht schnell wachsen. Wir müssen neue Wege finden, Kapital zu aquirieren. Ganz neue Wege, die auf neuen Werten basieren. Das Kapital muss die Werte mittragen, die wir mit 'Just Change' propagieren und welche die Produzent/innen und Konsument/innen bewegen."

Partizipatives Kapital

 

  1. Im Handelsnetzwerk "Just Change" hat das eingebrachte Kapital im Gegensatz zum Kapital im konventionellen Markt keine größere Macht als sie die Produzent/innen und Konsument/innen haben, denn sowohl Kapital, als auch Arbeit und Ressourcen wie Land, Wissen, Zeitaufwand sowie die Einnahmen durch den Verkauf werden benötigt. Produzent/innen, Konsument/innen und Investor/innen sind gleichberechtigt.
  2. Alle Akteure teilen das Risiko und die Verantwortung für ein gerechteres ökonomisches System.
  3. Der gemeinschaftliche und soziale Nutzen ist entscheidend - statt von "Profit" wird bei "Just Change" der "Nutzen" (benefit) angestrebt. Dieser Nutzen dieser kann und soll auch finanziell sein, zum Beispiel geringere Kosten für Konsument/innen, höhere Preise für Produzent/innen, Gewinnausschüttung. Der Nutzen kann und soll aber auch nicht-monetär sein, wie zum Beispiel mehr lokale Beschäftigung, mehr Beteiligung an Entscheidungen oder der Erhalt des ökologischen Gleichgewichts. Dies wird zum Beispiel deutlich am Adivasi-Honig, der auch im "Just Change"-Netzwerk vermarktet wird. Während eine Kooperative zum Beispiel mehr Seifen produzieren kann, um mehr gewinne zu erzielen, kann es bei einer Gemeinschaft von Wald-Honig jagenden Adivasi nicht nur um Gewinn-Steigerung gehen. Eine solch einseitige Ausrichtung müsste die Ertragssteigerung anstreben und würde unweigerlich die Zerstörung des ökologischen Gleichgewichts bedeuten.
  4. Der Nutzen (der nicht nur finanziell ist, aber auch) wird zwischen Konsument/innen, Produzent/innen und Investor/innen nach dem Grad der Partizipation und nach ökonomischer Gerechtigkeit aufgeteilt.

 

Die Zukunft von "Just Change"

Die Herausforderungen sind groß: Die erste Herausforderung ist, dass die marginalisierten Gemeinschaften erkennen, dass sie im Marktgeschehen nicht machtlos sind. Eine Herausforderung ist es auch immer wieder, mit den Werten von Nichtregierungsorganisationen wie ein Unternehmen zu handeln; Ziele, die mit dem Markt nichts zu tun haben, im Markt zu erreichen und mit fehlendem Geschäftsverständnis bei Produzent/innen und Konsument/innen umzugehen. Eine anhaltende Herausforderung ist auch die Konkurrenz im Markt, der von Akteuren mit mehr Erfahrung und mehr Kapital bestimmt wird, auch angesichts der Tatsache, dass Konsument/innen ihre Kauf-Entscheidung doch vor allem auf der Basis von Preisen treffen.

Die Ziele von "Just Change" sind es, mehr Konsument/innen-Gruppen und mehr Investor/innen für Partizipatives Kapital zu erreichen, die Kontakte zu Produzent/innen im Netzwerk weiter zu verbessern und die Geschäftsabläufe zu verbessern. Und schließlich möchten unsere indischen Partner/innen das Modell von "Just Change" in andere Teile der Welt tragen.

"Just Change" möchte weiter wachsen und zum Nachahmen anregen, überall auf der Welt - für einen alternativen Handel zum Nutzen benachteiligter Bevölkerungsgruppen, für sozial gerechte und ökologisch nachhaltige Entwicklung.

 

Foto Stan
Stan Thekaekara,
Mitbegründer unserer indischen Partnerorganisation ACCORD und Begründer des alternativen Handelsnetzwerks Just Change in Indien:
“Perhaps one day we will have a society where we can proudly say the poor are no longer with us. Because poverty has been eradicated and not just alleviated, because justice has been done.”

 
Der Teeanbau der Adivasi brachte die Entstehung des alternativen Handelsnetzwerks "Just Change" ins Rollen. Ohne die gemeinschaftliche Adivasi-Teeplantage gäbe es wohl auch kein Handelsnetzwerk Just Change, von dem heute bereits 10.000 Familien direkt profitieren.

Mit Ihrer Spende können Sie die Adivasi-Teeplantage unterstützen und den Adivasi den Besitz der 70 Hektar Land sichern. Info & Spendenkonto...

 

zurück

Adivasi-Netzwerk AMS:

Kampf gegen Korruption


Korruption in Indien

Korruption ist ein weit verbereitetes Problem (nicht nur) in der indischen Gesellschaft: Bei Politik, Polizei und Verwaltung, in der Wirtschaft und auch bei Nichtregierungsorganisationen, im Bildungs- und Gesundheitssektor. Korruption behindert die wirtschaftliche und die soziale Entwicklung eines Landes. Korruption wirkt auf alle Lebensbereiche der Menschen in Indien: wenn Investitionen nur eingeschränkt oder gar nicht der Bevölkerung zugute kommen; wenn Infrastruktur und Ausstattung der öffentlichen Bildung und Gesundheit hinter den technischen und finanziellen Möglichkeiten des Landes zurückbleiben; wenn Menschen, um ihre Rechte in Anspruch zu nehmen, Schmiergelder zahlen müssen. Armut grenzt die Menschen, denen so ihre Rechte verwehrt werden, doppelt aus. Dies betrifft auch die Adivasi in den südindischen Nilgiris-Bergen in ihrem täglichen Leben. Und es betrifft die Menschen, die mit gutem Willen und sozialem wie politischen Engagement die Gesellschaft verändern wollen.

Klarer Standpunkt gegen Korruption

Unsere indischen Partner/innen, das Adivasi-Netzwerk AMS und die Nichtregierungsorganisation ACCORD, haben von Anfang an einen klaren Standpunkt gegen Korruption vertreten: Sie zahlen keine Schmiergelder und keinen Anteil staatlicher Fördermittel an Beamte, auch wenn es bedeutet, dass ihrem Kampf für die Rechte der Adivasi Steine in den Weg gelegt werden. Ihre Buchhaltung lassen unsere Partner/innen ausführlich prüfen. Adivasi-Krankenhaus, Adivasi-Schule, Teeplantage, die dörfliche Bildungs- und Gesundheitsarbeit der Adivasi und ihre Kooperativen und Dorfgruppen wurden und werden ohne Korruption aufgebaut und betrieben. Damit haben sich unsere Partner/innen einen guten Ruf in den Adivasi-Dörfern, bei der lokalen Bevölkerung und bei unbestechlichen Beamten wie bei anderen Organisationen erworben. Sie zeigen, dass soziales und politisches Engagement auch ohne Korruption erfolgreich möglich ist.

Ramdas, Mitbegründer der Adivasi-Schule in Gudalur, sagt:
„Man kann nicht eine Schule leiten und Kinder unterrichten - und gleichzeitig korrupt sein. Wenn du Prinzipien hast, dann bleibe dabei. Aber die meisten Leute haben keine Prinzipien, sie wollen einfach ihre Sachen erledigt bekommen. Für uns war von Anfang an klar, dass wir keine Schmiergelder zahlen werden.“


Projektarbeit gegen Korruption

In der dezentralen Organisation der Adivasi in 300 Dörfern leisten unsere Partner/innen erfolgreiche Projektarbeit - ohne Korruption: mit klaren Standpunkten gegen Korruption, mit Traininigs in Finanzbuchhaltung und mit Transparenz.

In der lokalen Verwaltung haben sie durchgesetzt, dass Beamte zu bestimmten Terminen in Adivasi-Dörfer kommen, um Geburtsurkunden und Adivasi Certificates auszustellen. Vor den Augen aller werden dann viele Urkunden ausgestellt – ohne Schmiergelder, welche den Adivasi, die sonst einzeln zu den Verwaltungsstellen gehen müssten, sonst nicht erspart blieben. Diesen Einfluss haben sie sich durch ihre erfolgreiche Projekt- und Lobbyarbeit erarbeitet.

Unser indischer Partner Ramdas kommentiert:
"Die Beamten hier müssen nachweisen, dass sie etwas für die Situation der Adivasi hier tun. Sie bekommen Druck von oben, auch durch die Probleme, welche die Regierung durch militante Widerstandsbewegungen der Naxaliten, von denen viele Adivasi sind, bekommt. Sie erkennen, dass sie die Probleme auch ökonomisch und sozial lösen müssen, und nicht einfach nur militärisch. Aber wer hier in den Nilgiris-Bergen etwas für die Adivasi erreichen will, kommt am Adivasi-Netzwerk AMS nicht vorbei."

 

Unter Korruptionsverdacht?

Das Problem ist, dass Korruption so gegenwärtig ist, dass sie auch unschuldigen Menschen unterstellt wird - und das Ansehen guter und wichtiger Projektarbeit darunter leidet. Üble Nachrede trifft auch Leute, die sich durch ehrliche und korruptionsfreie Projektarbeit auszeichnen. Transparenz von Seiten der Projekte hilft. Und es ist wichtig, von außen genau hinzuschauen und nachzufragen. Projekten pauschal das Vertrauen abzusprechen oder die Unterstützung zu entziehen, schadet ehrlichem Engagement.

Es ist wichtig, positive  Bemühungen und Projekte zu unterstützen. 

Auch unsere indischen Partner sahen sich in den Anfangsjahren Korruptionsvorwürfen ausgesetzt. Interessant ist, von welcher Seite diese kamen:

Zum einen vom Gründer einer ebenfalls in der Region tätigen Nichtregierungsorganisation (NGO) für Adivasi. Er führte Delegierte seiner Geldgeber durch Adivasi-Dörfer und gab Lernzentren unserer Partner/innen als angeblich von seiner NGO initiiert und finanziert heraus. Unsere Partner/innen sind aber keine NGO, die kommt und wieder geht und den Leuten vor Ort egal ist. Es ist ein Netzwerk von 15.000 Adivasi, die sich in 300 Dörfern organisieren, vernetzen, und in Dorfgruppen und Teams selbst für die Verbesserung ihrer Lebenssituation aktiv sind. Sie wussten, was ihres ist. Nachdem anfangs Adivasi des Netzwerks mit der NGO kooperiert hatten, bekamen sie bald mit, dass da mehr auf dem Papier als in der Realität passierte und wandten sich ab. Besagter NGO-Chef versuchte in den Dörfern Adivasi gegen das Netzwerk zu mobilisieren und redete ihm Korruption nach. Unsere Partner/innen ignorierten die NGO. Für die richtige Verwendung des Geldes seien die Geldgeber zuständig, sagten sie. Diese müssten richtig hinsehen. Wenn diese NGO tatsächlich Gutes für die Menschen tue, sei das auch gut. Wenn es nur auf dem Papier geschähe, dann würden die Menschen in den Dörfern schon merken, worauf sie sich verlassen und wem sie vertrauen können. Zu einer öffentlichen Diskussion von Korruption kam es nicht. Diese wäre auch schwierig zu führen - Aussage stünde gegen Aussage.

Der andere Korruptionsvorwurf gegen die Begründer/innen unserer indischen Partnerorganistion kam von zwei Adivasi, die 1994 aus dem Team des Adivas-Netzwerks AMS ausgeschlossen worden waren - wegen Korruption. Bei einer Landrechtskampagne für die Rückübertragung von Adivasi-Land hatten sich die beiden erfahrenen Animatoren mit dem zuständigen Rechtsanwalt selbst Land überschreiben lassen. Zunächst passierte nichts. „How can we take away their food”, sagten die anderen Team-Mitglieder, die sie nicht der Arbeitslosigkeit und Armut überlassen wollten. Aber nach drei Monaten entschied doch das ganze Adivasi-Team, sie auszuschließen und die Landtitel wurden berichtigt.
Die beiden korrupten Adivasi standen später mit Mikrofon am Busbahnhof und erhoben Korruptionsvorwürfe gegen die Begründer/innen unserer Partnerorganisation ACCORD. Niemand glaubte ihnen - auch die umliegenden Ladenbesitzer nicht, die für ACCORD immer korrekte Quittungen ausgegeben hatten, während es durchaus verbreitet ist, sich höhere Beträge zur Abrechnung quittieren zu lassen. Der korrupte Rechtsanwalt, der gekündigt wurde, fragte, warum sie denn so ein Fass aufmachten, das machten doch alle so.
Und ein erfahrener Animator im Adivasi-Team sagte zu den Korruptionsvorwürfen gegen die Begründer/innen von ACCORD: „Sie haben so viel für uns getan. Selbst wenn sie etwas abgezweigt hätten, wäre das in Ordnung.“ Das war 1994 und vielleicht würde er das heute nicht mehr sagen, aber es zeigt, wie verbreitet und akzeptiert Korruption in der indischen Gesellschaft ist.

Ein Bewusstsein dafür, wo Korruption anfängt und eine klare Haltung gegen auch kleine Unterschlagungen und Bestechungen sind aber nicht automatisch gegeben und müssen immer wieder gestärkt werden. Welche Unterstützung braucht der stark beanspruchte Adivasi-Manager der Adivasi-Teeplantage, wenn Polizisten ein kleines Schmiergeld fordern für die (rechtmäßige) Beschneidung schattenspendener Bäume auf der Plantage vor der Regenzeit? Wie geht man damit um, wenn in einem Adivasi-Kindergarten von der Milch für die Kinder aus einem staatlichen Förderprogramm für die anwesenden Eltern ein Milchtee gekocht wird? Es sind viele Gespräche und eine klare Überzeugung bei allen Beteiligten notwendig, bis die Idee der Adivasi-Dorfläden mit Produkten der Kooperativen vielleicht umgesetzt werden kann, will man sowohl wirtschaftlichen Erfolg erreichen als auch die traditionell starke Solidarität und Unterstützung unter den Adivasi nicht untergraben, dank der Nachbar/innen oder Verwandte durchaus auch kostenlose Waren erhalten würden.

 

Klare Position gegen Korruption zu beziehen, ist eine anhaltende Herausforderung für alle.

Auch als Besucher/in in Indien kann man gegen Korruption aktiv werden, indem man kein Schmiergeld zahlt. Westlichen Besucher/innen wird in aller Regel das gesellschaftliche Ansehen entgegengebracht, das es wesentlich leichter macht, ohne Schmiergelder seine Anliegen zu verfolgen. Mit Höflichkeit und Geduld lässt sich viel erreichen. Wenn nicht, wäre es wichtig, sich erneut seine Prinzipien klarzumachen, bevor man einer vermeintlichen Landessitte folgt. Damit kann man all diejenigen stärken, die in Indien gegen Korruption antreten oder unter ihr zu leiden haben.

zurück

Adivasi-Netzwerk AMS:

Erhalt von Traditionen

 

Belebung von Traditionen und Glaube

Die 15.000 Adivasi, die sich im Adivasi-Netzwerk AMS organisieren, haben ihre eigenen Traditionen. Sie sprechen Adivasi-Sprachen: Paniya, Mullakurumba, Bettakurumba, Kattunaicken und Irula. Sie haben je eigene Traditionen hinsichtlich Kleidung, Schmuck, religiösen Riten und Feiern sowie dörflichem Zusammenleben.

Gemeinsam sind ihnen als indischen Ureinwohner/innen eine enge materielle und spirituelle Beziehung zur Natur. Sie nutzen Waldprodukte für ihren Lebensunterhalt und leben gemeinsam mit der belebten Natur und den Ahnen unter ihnen. Beim Jagen und Sammeln beachten sie vielfältige Regeln des ökologischen Umgangs mit der Natur. Nur einzelne Adivasi sind zum Christentum konvertiert. Die Adivasi sind auch keine Hindus, auch wenn religiöse Feste und Gebetszeremonien (Puja) durch viele Generationen des Zusammenlebens Ähnlichkeiten mit lokalen hinduistischen Traditionen aufweisen und Adivasi durchaus auch hinduistische Tempel besuchen.

Badchi, eine Adivasi der Bettakurumba, sagt über die Religion der Adivasi:
"Es ist unser Glück, dass unsere Götter mit uns in unseren Dörfern und mit unserem Volk leben. So müssen wir sie nicht in einer Moschee, einem Tempel oder einer Kirche suchen. Religion, Konversion, Hindu, Muslim oder Christ zu sein, ist schwer zu verstehen. Für uns sind die Götter wichtig, nicht die Religion."

Dorfälteste leiten religiöse Zeremonien, legen den Tag einer Hochzeit fest, vermitteln im Streit und berufen die Dorfversammlung ein, auch Frauen haben bestimmte Funktionen inne. Die Team-Mitglieder und Leiter der Dorfgruppen (Sangams) arbeiten gut mit den Dorfältesten zusammen.

Im Adivasi-Netzwerk AMS beleben die Adivasi die traditionellen Feste und religiösen Zeremonien ihrer Adivasi-Gemeinschaften. Diese Traditionen wurden wieder belebt, indem die Animator/innen zum Beispiel organisieren, dass in den Dörfern Geld für die Feste gesammelt wird. Ein Mal jährlich führt das Adivasi-Netzwerk AMS ein großes Adivasi-Festival durch, welches alle Adivasi der verschiedenen ethnischen Gemeinschaften miteinander verbindet und zu dem mehrere Tausend Adivasi kommen. Traditionelle Spiele, Musik und Tänze, Wettkämpfe im traditionellen Bogenschießen u.v.m. unterhalten die Adivasi auf dem Fest. Eine gemeinsame Gebetszeremonie, bei der fünf Lichter für die fünf Adivasi-Gemeinschaften entzündet werden, symbolisiert die gemeinschaftliche Identität und den Zusammenhalt als Adivasi.

Die Adivasi haben begonnen, alte heilige Haine (die Kavus) mit gemeinschaftlichen Zeremonien wiederzubeleben. Ein Team von jungen Adivasi kartierte bereits Dutzende solcher Kavu per GPS. Der nächste Schritt ist, die Landrechte an Stätten, welche inzwischen von Nicht-Adivasi widerrechtlich eingenommen wurden oder inmitten von Teeplantagen liegen, geltend zu machen.


Kultur und Bildung

Traditionelles Wissen der Adivasi fließt in die Bildungsarbeit ein und soll lebendig gehalten werden.

Es werden Lieder und Tänze dokumentiert und an der Adivasi-Schule unterrichtet. Die Adivasi-Sprachen werden verschriftlicht in Kooperation mit einem indienweiten Projekt zur Sprachenvielfalt. Bildungsteams arbeiten in den Dörfern mit Adivasi an der Erarbeitung von Bild-Wörterbüchern und einem Alphabet, aufbauend auf der Landessprache Tamil. In der Adivasi-Sprache Paniya wurden bereits überlieferte Geschichten der Paniya aufgeschrieben.

Ein Kulturzentrum der Adivasi als kleines, aber lebendiges Museum der Adivasi ist in Gudalur im Aufbau. Es richtet sich an Gäste in Gudalur ebenso wie an die junge Adivasi-Generation. Das Adivasi-Team des Kulturzentrum bereitet für die monatlichen großen Teamtreffen jeweils eine neue Einlage der kulturellen Bildung vor: mal werden Gerichte aus traditionell gesammelten Waldprodukten gereicht, mal ein Schattenspiel über die Diskriminerung von Adivasi durch Geldverleiher aufgeführt, mal ein Film über nordinische Adivasi.


Die Stellung der Frau

In der Arbeit unserer indischen Partner/innen arbeiten Frauen und Männer gleichberechtigt zusammen. Sie arbeiten zusammen im Team, auch unter der Führung von Frauen, gehen zusammen auf Haus- und Dorfbesuche. Die Adivasi-Schule unterrichtet Mädchen und Jungen zusammen. 

Die Frau in den Adivasi-Gemeinschaften ist traditionell sehr frei und gleichberechtigt - auch wenn es traditionelle Rollen und Aufgaben für Frauen und Männer gibt und Frauen bei der Heirat in der Regel in das Haus ihres Mannes ziehen. Frauen haben die gleiche Stimme wie Männer bei Entscheidungen, bewegen sich frei und haben keine strenge Kleidervorschrift zu befolgen. Mädchen und Jungen lernen und spielen zusammen, Männer und Frauen arbeiten zusammen.

Traditionell war bei den Adivasi der Gudalur-Region die Liebesheirat vorherrschend. Homosexualität allerdings ist auch bei den Adivasi wie insgesamt in der indischen Gesellschaft noch ein Tabu-Thema. Die Partner oder die Partnerin soll zwar aus der gleichen Adivasi-Gemeinschaft kommen, bei den Mullakurumba aber nicht aus dem gleichen Clan, doch ansonsten waren die Mädchen und Jungen frei in ihrer Wahl, Bekanntschaften zu schließen und Beziehungen einzugehen - Bei den Paniya galt ein Mädchen erst dann als fest gebunden, als verheiratet, wenn sie schwanger wurde. Scheidungen und neue Ehen waren möglich und es oblag dem Paar und ihren Familien, zu regeln, wer die Kinder nach einer Trennung aufzog. Zum Teil werden diese relativ freien Regeln noch immer gelebt. Doch insgesamt zeigt sich der starke kulturelle Einfluss der Moralvorstellungen der indischen Mehrheitsgesellschaft auf die Adivasi: Immer mehr junge Adivasi sollen keine nichtehelichen Beziehungen führen, eine arrangierte Ehe eingehen und ihnen ist kaum bewusst, dass es im Zusammenleben der Adivasi vor einer Generation noch ganz anders war. Diese strengeren Moralvorstellungen werden auch immer wieder deutlich, wenn moralisches "Fehlverhalten" in den Teams diskutiert wird und Einzelne auch aus einem Team ausgeschlossen wurden. Dieser kulturelle Einfluss wirkt sich negativ auf die Stellung der Frau aus, auch wenn Adivasi-Frauen vergleichsweise noch gleichberechtigter sind. Unverheiratete oder verwitwete Frauen haben keine Diskriminierung zu befürchten, Mädchen werden gegenüber Jungen nicht benachteiligt.

Ein Problem für die Frauen und Familien ist der Alkoholismus vor allem unter Männern. Die Adivasi-Gesundheitsorganisation ASHWINI kämpft gegen Alholismus, Frauen schließen sich zusammen und treten ihren Männern entgegen.

Ammani, eine Adivasi der Paniya und Leiterin einer Adivasi-Frauengruppe, berichtete:
"Mein Mann ist ein guter Mann und unterstützt mich sehr. Aber er hatte angefangen zu trinken. Das ist etwas, was ich nicht tolerieren kann. Wir hatten im Sangam beschlossen, gegen Alkohol zu kämpfen. Ich hatte ihn einige Male gewarnt. Eines Samstag Abends kam er wieder betrunken nach Hause. Ich schloss die Tür ab und sagte ihm: 'Du kannst die Nacht draußen bleiben, betrunken wirst du dieses Haus nicht wieder betreten.' Es war eine harte Entscheidung, weil es Monsun war und regnete. Er bettelte: 'Wie kannst du so herzlos sein, ich werde krank.' Aber ich blieb dabei. Das war das letzte Mal, dass er betrunken nach Hause kam."

 

Teilen und Unterstützung

Teilen und Solidarität sind traditionell bestimmende Werte im Zusammenleben der Adivasi.

Dörte B. sagte als Theologie-Studentin nach ihrer ersten intensiven Begegnung mit Adivasi:
"Teilen ist schwierig. Es geht dabei nicht nur um das, was man auf den Tisch stellt, sondern darum, ob man alles teilen kann - diesen Unterschied habe ich von den Adivasi gelernt."

Die Gemeinschaft ist zentral für die Adivasi. Entscheidungen werden ausführlich diskutiert und im Konsens getroffen, d.h. eine Entscheidung gilt erst dann, wenn sie von allen mitgetragen wird. Bei einer beratenden Dorfversammlung haben alle die gleiche Stimme bei Diskussion und Entscheidung - auch Kinder und Jugendliche: Als die Adivasi die ersten Dorfgruppen (Sangams) bildeten, um für Landrechte zu kämpfen, legten sie einen niedrigen Monatsbeitrag von 10 Rupien fest, um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Sogar ein Schuljunge wollte sich unbedingt im Sangam engagieren. Er zahlte seine Beiträge zuverlässig. Das Geld dafür verdiente er selbst - auf dem Schulhof beim Murmelspiel. Bei den Diskussionen wurde er ebenso ernst genommen wie die Erwachsenen.

Ihr traditioneller Zusammenhalt ist die Grundlage der Basis-Entwicklungsarbeit der Adivasi. Weil alle Adivasi in Entscheidungen einbezogen werden und eine Idee nur dann umgesetzt wird, wenn alle dahinterstehen, bleiben Solidarität und Unterstützung lebendig. Deshalb sind die Adivasi mit ihrer Entwicklungsarbeit so erfolgreich, deshalb funktioniert hier wirkliche Hilfe zur Selbsthilfe.

So funktioniert die Hilfe zur Selbsthilfe:

Beim Projekt zur Förderung von Gemüseanbau bei Adivasi ab 2015 funktioniert sie zum Beispiel so:

Das Problem der verbreiteten Mangelernährung bei Adivasi führte zu der Idee, Adivasi-Familien mit Gemüsesamen und Anleitung beim Anbau von Gemüse zu unterstützen. Ein kleines Pilotprojekt mit wenigen Adivasi-Familien zeigte die Machbarkeit. Nun sollen bis zu 1.000 Adivasi-Familien von diesem Projekt profitieren.
Auf den monatlichen All Team Meetings des Adivasi-Netzwerks AMS wählen die Adivasi anhand von eigenen Kriterien aus, in welchen Dörfern das Projekt des Gemüseanbaus durchgeführt werden soll. Die in den Dörfern aktiven Animator/innen der Adivasi informieren die Dorfbewohner/innen auf den Dorftreffen über gesunde Ernährung und die Idee des Projekts. Haben sich die Dorfbewohner/innen für das Projekt entschieden, wird es mit den Frauen des Dorfes durchgeführt. Sie erhalten Informationen zu gesunder Ernährung und Gemüseanbau und ein Set Samen und im weiteren Verlauf Beratung und Unterstützung. Die Frauen ziehen auch Samen heran, die an andere Familien weitergegeben werden. So kommt das Projekt im weiteren Verlauf noch mehr Adivasi-Familien zugute.

Die erste Herausforderung bei diesem Projek ist die Akzeptanz der Adivasi. Es ist etwas Neues für die Adivasi heute, zur Verbesserung der eigenen Ernährung gezielt Gemüse anzubauen. Solange die Familien und Dorfbewohner/innen nicht über die Zutaten einer ausgewogenen Ernährung Bescheid wissen, die Bedeutung der Ernährung für ihre Gesundheit nicht verstehen und die gesunden Bestandteile bestimmter Gemüse und Nahrungsmittel nicht schätzen, wird für sie ein mit einem Teller Reis gefüllter Magen ausreichend sein.
Deshalb ist die Arbeit der Animator/innen des Adivasi-Netzwerks AMS so wichtig, zu informieren, aufzuklären, zu beraten, zu begleiten. Dies wird berücksichtigt: mit ausreichend
Zeit arbeiten die Animator/innen für die Akzeptanz des Projekts bei den Dorfbewohner/innen. Erst wenn diese hergestellt ist, wird mit dem Gemüseanbau begonnen.

Die zweite Herausforderung ist, das Projekt nicht für einzelne Familien, sondern mit dem ganzen Adivasi-Dorf durchzuführen, also jeweils mit mehreren Familien zusammen. Nur dann werden sich die Frauen und Familien beim Gemüseanbau und in der Ernährung mit Gemüse gegenseitig motivieren, beraten, unterstützen. Solidarität und Gemeinschaft werden gestärkt statt durch Neid, Missgunst oder Boykott untergraben. Nur in gemeinschaftlicher Durchführung ist ein nachhaltiger, langfristiger Nutzen gewährleistet. Der gemeinschaftliche Ansatz liegt in den Traditionen der Adivasi und wird von Anfang an in allen Aktivitäten des Adivasi-Netzwerks AMS berücksichtigt. Auch deshalb ist die Arbeit der Animator/innen
mit allen Dorfbewohner/innen so wichtig.

 

Werte bewahren und sich mit anderen vernetzen

Das Adivasi-Netzwerk AMS knüpft auch Kontakte über die Region hinaus. Adivasi besuchten zum Beispiel 2004 das Weltsozialforum im indischen Mumbai, halfen 2005 nach dem Tsunami Adivasi-Fischer an der Ostküste mit personeller Unterstützung, besuchen Adivasi und Kooperativen in anderen Teilen Indiens und kooperieren mit ihnen auch in ihrem alternativen Handelsnetzwerk "Just Change".

Auch die regelmäßig von uns organisierten Besuche einer Gruppe von Adivasi in Deutschland tragen dazu bei, dass sich die Adivasi ihrer bewahrenswerten Traditionen und Werte bewusst werden.

Shanthi, eine Adivasi der Paniya und Lehrerin an der Adivasi, sagt nach ihrem Besuch in Deutschland:
"Mein Vater und die alten Leute haben uns immer gesagt, wie wichtig es ist, dass wir unsere Kultur bewahren. Aber für mich waren das nur Worte. Als wir Deutschland besuchten und so viele Menschen unsere Geschichten hören wollten, unsere Musik, unsere Tänze sehen wollten, das war beeindruckend. Ich habe ich verstanden, wie wichtig das Teilen ist, das wir Adivasi für so selbstverständlich halten. Menschen, die ihren Sinn für Gemeinschaft und Teilen verloren hatten, beneideten uns. Erst da habe ich begriffen, wie wir das alles verlieren könnten, wenn wir es nicht bewahren. Indem wir unser Zuhause verließen, lernten wir, unser einfaches Leben viel mehr schätzen."

Eine besondere Herausforderung ist die Bewahrung traditioneller Werte der Adivasi wie Genügsamkeit, Teilen und solidarische Unterstützung in der heutigen Zeit. Der Wunsch, diese zu bewahren, bestimmen Diskussionen, Entscheidungen und die Entwicklungsarbeit der Adivasi. Auch wenn dies bedeutet, Ideen nicht schnell umsetzen zu können. Adivasi-Läden, welche Produkte des Handelsnetzwerks "Just Change" unter den Adivasi verkaufen, gibt es als sinnvolle Idee. Sie können aber erst aufgebaut werden, wenn sich die Adivasi über deren Betrieb im Einklang mit ihren gemeinschaftlichen Traditionen geklärt haben. Denn ein Laden kann nicht funktionieren, wenn Nachbarn und Verwandte kostenlos profitieren. Aber gewollt Strukturen solidarischen Teilens zu boykottieren, wäre kontraproduktiv.

zurück

Adivasi-Netzwerk AMS:

Umwelt- und Naturschutz


Die Herausforderung, einen ökologisch nachhaltigen Lebensstil zu bewahren

Traditionell leben die Adivasi einen ökologisch nachhaltigen Lebensstil, der auf einer spirituellen Achtung aller Elemente der Natur beruht.

Suresh, Adivasi der Kattunaicken, berichtet über eine Begegnung eines alten Adivasi mit einem fremden jungen Mann im Wald:

"Dieser junge Mensch machte sich über uns lustig. Er sagte: 'Für euch Waldleute ist alles heilig - die Bäume, die Felsen, der Fluss. Aber dann kann man nirgends in die Natur eingreifen, weil alles heilig ist! Wir können im Wald tun, was wir wollen.' Der alte Mann war sehr aufgebracht, aber er sagte nichts. Er ging in den Wald hinein und bat die Geister und Tiere um Vergebung für diesen jungen Mann, der nichts vom Wald wusste."

Die Adivasi beachten eine Vielzahl von ökologischen Regeln im Umgang mit der Natur: Niemals wird ein trinkendes oder trächtiges Tier gejagt, ebensowenig werden Vögel in der Brutzeit und Tiere mit Jungen gejagt. Viele Adivasi-Kinder gehen auf Krabbenjagd. Ein Adivasi-Junge hatte einmal eine wunderbar große Krabbe gefangen. Als er jedoch den kleinen Krabbennachwuchs entdeckte, ließ er die Krabbe wieder frei. Werden Knollen für den Verzehr ausgegraben, so werden die Triebe wieder in den Boden gesteckt. Nur ein Teil einer Bambuspflanze wird aus Bauholz geschlagen, bei der Honigernte bleiben stets bestimmte Bienenstöcke und Waben unangetastet.

Der traditionelle Lebensstil der Adivasi geht mit beschränkten materiellen Bedürfnissen und geringem Konsum einher sowie mit einer hohen Ethik des Teilens. 2009 kam eine alte Adivasi-Frau nach heftigen Regenfällen und Überschwemmungen in der Gudalur-Region zum Notfalllager und holte ein Matratze für ihre Familie ab. Aber noch am selben Tag brachte sie diese zurück: Sie habe nicht gewusst, dass schon ein anderes Familienmitglied eine Matratze abgeholt hatte. 

Die Herausforderung dieser und der nächsten Jahre ist es, diese traditionellen Werte trotz der Veränderungen im Lebensumfeld und Lebensstil der Adivasi zu bewahren. Sehr viele Adivasi haben einen Fernseher, seitdem diese als Wahlkampfgeschenke verteilt wurden, und sehen Werbung. In der Region sind die Adivasi in der Minderheit und die Konsumgewohnheiten und der Lebensstil der modernen indischen Gesellschaft üben einen starken Einfluss aus. Dies umso mehr, als Adivasi auf Arbeitssuche ihrer Dörfer verlassen oder Kinder weiterführende Schulen in der Kleinstadt Gudalur oder in größeren Städten wie Coimbatore oder sogar Bangalore besuchen können. 

Mit Bildungs- und Bewusstseinsarbeit wollen die Teams des Adivasi-Netzwerks AMS erreichen, dass die Werte eines ökologisch nachhaltigen Lebensstils bewahrt werden - mit Diskussionen auf den Treffen der Teams und Dorfgruppen, im Unterricht an der Adivasi-Schule, mit ökologisch nachhaltiger Projektarbeit.

 

Aktivitäten für Umwelt- und Naturschutz

Auf der gemeinschaftlichen Adivasi-Teeplantage werden etwa 20 Hektar des Landes als Wald erhalten. Auf der Teeplantage wurden Heilpflanzen angesiedelt und Fruchtbäume zur Pflanzung in Adivasi-Dörfern herangezogen. Die Plantage kann bisher noch nicht als ökologischer Anbau betrieben werden, denn vor allem Schimmelpilze während des Monsuns sind in diesem Gebiet mit den zweitstärksten Regenfällen von ganz Indien ein Problem. Doch sind sich unsere Partner/innen dieser Problematik bewusst und nutzen möglichst wenig Mittel.

An der Adivasi-Schule werden die Schüler/innen auch in Ökologie unterrichtet. Dabei wird naturwissenschafticher Fachunterricht verbunden mit der Vermittlung der traditionell spirituellen Achtung der Natur und traditionellen Wissens über nachhaltige Naturnutzung. Die Schüler/innen sammeln in Kooperation mit dem lokalen Rotary-Club Plastikmüll und übergeben ihn der Wiederverwertung. Auch Adivasi-Kinder und -jugendliche nehmen im Rahmen der dörflichen Bildungsarbeit zum Beispiel an Camps auf der Adivasi-Teeplantage teil und lernen unter anderem Wissenswertes zu Wald und Natur.

Im Rahmen der Projektarbeit errichtete Gemeinschaftsgebäude in den Dörfern, das Adivasi-Krankenhaus, die Adivasi-Schule und die Wohnhäuser auf der Adivasi-Teeplantage wurden alle umweltfreundlich mit lokalen Materialien errichtet: mit gepressten und nur mit 5% Beton angereicherten Lehmziegeln. Adivasi wurden im Hausbau ausgebildet und bauen in dieser Technik Wohnhäuser für Adivasi-Familien. Die Nutzung von Solarenergie nicht nur im Adivasi-Krankenhaus, sondern in Adivasi-Dörfern ist ein Ziel für die Zukunft.

Im Team der jungen Umweltschutzorganisation "The Shola Trust" in Gudalur arbeiten Adivasi unter anderem an der Kartierung heiliger Haine der Adivasi. Diese sind wahre Hotspots an Artenvielfalt inmitten monotoner Teeplantagen. Wenn sie kartiert und die Landrechte offiziell den Adivasi übergeben sind, werden sie erhalten und damit auch die lokale Artenvielfalt. Außerdem arbeitet die kleine Organisation in Kooperation mit den Adivasi am Schutz von Elefanten und an der Errichtung von grünen Korridoren durch Landkauf mit speziellen Fördermitteln. Elefanten brauchen ein Gebiet von etwa 1.000 km² für ihre Wanderungen, doch das Schutzgebiet Mudumalai in den südindischen Nilgiris-Bergen ist nur etwa 320 km² groß. Wälder und die typischen Graslandschaften in den Bergen (Sholas) wechseln sich mit Plantagen und Ortschaften ab. Auf ihren Wanderungen verursachen die Elefanten zum Teil große Schäden. Die meisten Todesfälle passieren jedoch nicht an der Schutzgebietsgrenze, wo am häufigsten Elefanten gesichtet werden, sondern in weiter entfernten Siedlungen, wo die Menschen nicht auf die Begegnung mit Elefanten vorbereitet sind. Adivasi der Region haben einen großen Erfahrungsschatz zur friedlichen Koexistenz mit Elefanten. Adivasi arbeiten bei der Forstverwaltung als Elefantentrainer und führen mit zahmen Elefanten verirrte wilde Elefanten in den Wald zurück. Die Organisation "The Shola Trust" arbeitet daran, Ein SMS-basiertes Frühwarnsystem in den Nilgiris-Bergen zum Einsatz bringen. Jedes Dorf soll einen Konflikt vermeidenden Umgang mit wilden Elefanten finden und dabei von der langen friedlichen Koexistenz zwischen Menschen und Elefanten in der Region lernen, von Adivasi.

 

Ökotourismus auf der Adivasi-Teeplantage

Ecoscape ist seit 2014 das junge Ökotourismus-Projekt auf der Adivasi-Teeplantage. Tourismus wird neben Teeanbau wirtschaftlich immer bedeutender für die Region – und ist meist keineswegs nachhaltig. Ecoscape setzt hier einen Gegenakzent. Es soll Einnahmen und nachhaltige Beschäftigungsmöglichkeiten schaffen, Umwelt und Natur schützen und die lokale Kultur vermitteln - zusammen mit den Adivasi. Ecoscape ist im Rahmen der Arbeit der Adivasi ein eigenständiges soziales Unternehmen - alle Gewinne dienen der gemeinnützigen Entwicklungsarbeit der Adivasi.

Das Projekt trägt sich bereits selbst. Ein Team junger Adivasi arbeiten zusammen mit dem Initiator; ein junger Inder, der mit dieser Idee dem Team in Gudalur beitrat. Unsere Partnerorganisation ACCORD übernimmt einen Teil der Verwaltungsarbeit. Neben der Betreuung von Gästen finden immer Camps statt: Adivasi und Expert/innen aus Bangalore identifizieren Heilpflanzen, Lehrer/innen der Adivasi-Schule bereiten das neue Schuljahr vor, Adivasi-Kinder erwerben Wissen über Natur, traditionelle Maltechniken oder bereiten sich auf Schule und Examen vor.

Den Gästen von Ecoscape auf der Adivasi-Teeplantage stehen in einem Bungalow drei Doppelzimmer mit Bad, ein Deluxe-Doppelzimmer mit Bad und Balkon sowie ein Mehrbettzimmer für sieben Personen zur Verfügung. Die Preise verstehen sich inklusive Vollverpflegung und Tagesangeboten – von Führungen über Tier- und Vogelbeobachtung bis hin zu Wanderungen zwischen einer Stunde und einem Tag. Beobachten Sie 53 Vogelarten, 45 verschiedene Schmetterlinge, Affen, Rehe und aus sicherer Entfernung Elefanten sowie vielleicht Leoparden oder Tiger. Indische Hochsaison ist im heißen Sommer im Mai, Hochsaison für internationale Gäste ist in der besten Reisezeit November-Dezember. Einen Besuch wert ist die Adivasi-Teeplantage jedoch immer.

Buchen können Interessierte unter www.ecoscape.co.in.

zurück

Adivasi-Netzwerk AMS:

Adivasi-Teeplantage


Die Nilgiris-Bergen sind seit der britischen Kolonialherrschaft das größte Teeanbaugebiet Südindiens. Teeanbau ist der bedeutendste Wirtschaftsfaktor der Region und kapitalintensiv. Als solcher wird der Teeanbau von reichen Grundbesitzer/innen, Unternehmen und internationalen Konzernen betrieben. Die Adivasi stehen ganz unten in der gesellschaftlichen Hierarchie Indiens, sind besonders ausgegrenzt und benachteiligt, schlechter gebildet und ärmer.

1986 begannen die Adivasi der Gudalur-Region, sich gegen Landverlust, Ausbeutung und Armut zu wehren. Die ersten Erfolge gab es bald: die Adivasi-Familien erhielten Landrechte. Auf diesem Land bauten die Adivasi-Familien ab etwa 1987 Teepflanzen an, unterstützt von ACCORD. Mehrere Argumente sprachen für den Teeanbau: Teepflanzen sichern den Landbesitz, denn die Pflanzen können 100 Jahre alt werden und lassen sich nicht einfach über Nacht beseitigen. Mit dem Teeanbau erhalten Adivasi ein regelmäßiges Einkommen, denn Tee lässt sich kontinuierlich das ganze Jahr über ernten, im Gegensatz zu Kaffee. Und schließlich würden damit die Adivasi in den Hauptwirtschaftszweig der Region vordringen, in die Mitte der Gesellschaft.

Anfang der 1990er Jahren bauten etwa 1.000 Adivasi-Familien auf ihrem Stück Land Tee an. Und: Die Teeplantage "Madhuvana" in den südindischen Nilgiris-Bergen ist wohl die einzige Teeplantage im Besitz von Adivasi in Indien.


Adivasi-Teeplantage: Von der Vision zur Wirklichkeit

Mari Thekaekara, Mitbegründerin unserer Partnerorganisation ACCORD, erinnert sich:
"Etwa 1994 erkannten wir in Gudalur , dass das Adivasi-Krankenhaus und die Adivasi-Schule noch langfristig finanzieller Unterstützung von außen bedürfen werden. Diese Einrichtungen sind nach wie vor für die Adivasi sehr wichtig. Sie gehören ihnen und öffnen ihnen Türen in die übrige indische Gesellschaft. Aber obwohl das Einkommen der Adivasi-Familien seit den Tagen der Sklaverei und Schuldknechtschaft deutlich gestiegen ist, ist es ihnen dennoch nicht möglich, für ihre Gesundheitsfürsorge oder die Bildung der Kinder gänzlich selbst aufzukommen. Da entstand eine neue Idee: ein eigenes Stück Land, das genug Gewinn für Gesundheitsfürsorge und Bildung etc. abwirft. In der Vergangenheit war der Wald im Gemeinschaftsbesitz der Adivasi und erfüllte alle ihre Bedürfnisse - nun brauchten sie wiederum einen gemeinsamen Besitz."

Eine Teeplantage – Landbesitz für landlose Adivasi, Arbeit und Einkommen für arme Gelegenheitsarbeiter/innen und ein Schritt in die Mitte der Gesellschaft, denn Teeanbau war der Hauptwirtschaftszweig der Region, den niemand ungebildeten, verarmten und ausgeschlossenen Adivasi zutraute, und Tee ein Weltmarktprodukt. Und die Vision, dass die Gewinne der Teeplantage die Entwicklungsarbeit der Adivasi unabhängig von Geldgebern machen könnte. Die erste Idee zur Plantage entstand übrigens bei unserer ersten Begegnungsreise mit den indischen Partner/innen 1994 in Deutschland, als wir gemeinsam überlegten, was den Adivasi nachhaltige Selbsthilfe ermöglichen würde.

Im Mai 1995 wurde in Gudalur beschlossen, eine Teeplantage zu kaufen. An dieser Entscheidung waren alle beteiligt, denn sie wurde auf einem Mahasabha getroffen – auf einem großen Treffen aller ACCORD-Mitarbeiter/innen und zahlreicher Adivasi-Dorfräte. Nun musste das Geld zum Kauf der Plantage aufgetrieben werden. Dies war nicht einfach. Viele Geldgeber wurden nur in den ärmsten Bundesstaaten Indiens aktiv, zu denen Tamil Nadu nicht gehört. Ursprünglich wollten ACCORD & AMS die Plantage mit einem Kredit von EDCS in den Niederlanden kaufen. Aber EDCS erhielt keine Erlaubnis der Reserve Bank, das Geld nach Indien einzuführen und forderte schließlich sehr hohe Zinsen. Zudem war inzwischen, drei Jahre waren seit den ersten Gesprächen vergangen, der Preis für die Plantage stark gestiegen. ACCORD & AMS lehnten den Kredit von EDCS unter diesen Bedingungen ab. Eine noch bessere Lösung fand sich jedoch bald darauf 1998:

Eine britische Stiftung, der Charities Advisory Trust (CAT), vergab einen zinslosen Kredit. Deren Gründerin Hilary Blume hatte die Arbeit von ACCORD & AMS bereits kennen und schätzen gelernt und unterstützte bis heute mehrfach die Arbeit in Gudalur mit Spenden und Zuschüssen. Aber: Auch ein zinsloser Kredit muss zurückgezahlt werden. Wie sollte die Rückzahlung des zinslosen Kredits zum Kauf der Teeplantage gelingen? Es war absehbar, dass die Teeplantage dies nicht auch noch würde leisten können. Der Kredit konnte jedoch nicht aufgenommen werden, wenn die Rückzahlung nicht absehbar war. Hierbei sprangen die Studierenden unseres Adivasi-Tee-Projekts ein: Wir sagten zu, Spenden für die Rückzahlung des zinslosen Teeplantagenkredits einzuwerben. Nach vielen Diskussionen und Überlegungen luden wir 1997 die erste Gruppe von Adivasi zum Deutschen Evangelischen Kirchentag ein es begann unsere Spendenwerbung zugunsten der Adivasi-Teeplantage.

Am 20. Juni 1998 kaufte unsere indische Partnerorganisation ACCORD mit einem zinslosen Kredit der britischen Stiftung Charities Advisory Trust die Teeplantage „Madhuvana“ (Honigwald) für 23,5 Millionen Rupien (etwa 500.000 Euro). Unser Adivasi-Tee-Projekt hat die moralische Verantwortung übernommen, den zinslosen Kredits zum Kauf der Adivasi-Teeplantage zurückzuzahlen.

Die Adivasi-Teeplantage liegt auf etwa 1.000 Meter Höhe in den südindischen Nilgiris-Bergen. Sie liegt nahe der Kleinstadt Devala, etwa 30 km von der Kleinstadt Gudalur entfernt. Die Teeplantage ist etwa 71 Hektar groß und ist damit mittelgroß. Auf ca. 41 Hektar wird Tee angebaut, auf ca. 8 Hektar wächst Kaffee. Dazwischen wächst Pfeffer an den schattenspendenen Silbereichen. Etwa 20 Hektar werden als Urwald erhalten.

 

Unsere große Vision - und die Realität der Adivasi-Teeplantage heute

Die Vision, die unsere indischen Partner/innen und wir beim Kauf der Adivasi-Teeplantage 1998 hatten - die Bildungs-, Gesundheits- und Entwicklungsarbeit der Adivasi zu finanzieren -, hat sich nicht erfüllt. Zu gering waren die Gewinne der Teeplantage selbst in Jahren guter Ernte und hoher Teepreise.

In den ersten Jahren wurde viel Zeit, Arbeitskraft und Geld investiert, um die Teeplantage zu verbessern: Brachland und Lücken in den Teereihen wurden bepflanzt – die Teepflanzen dafür wurden in der eigenen Baumschule herangezogen. Adivasi wurden ausgebildet, Erntemenge und Qualität verbessert. Eine Zufahrtsstraße wurde gebaut, Unterstände zum Lagern der Teeblätter, ein Bungalow. Ein neuer Laster wurde angeschafft u.v.m. Löhne und Sozialleistungen mussten bezahlt werden. Das Management lag ganz in Adivasi-Hand und war so erfolgreich, dass dies den Adivasi viel Achtung und Anerkennung einbrachte. In manchen Jahren arbeiteten 70 Festangestellte Adivasi auf der Plantage sowie Saisonkräfte. Kaffee wurde angepflanzt, Pfeffer geerntet. Die Teeplantage konnte sich schließlich selbst tragen.

Dennoch wurde deutlich, dass selbst bei einer erhofften Steigerung der Einnahmen die Teeplantage nur ein Standbein für die Finanzierung der Entwicklungsarbeit der Adivasi wird sein können - angesichts der Abhängigkeit von den Weltmarktpreisen und angesichts der Tatsache, dass maximal 10% der Tee-Ernte über den fairen Handel in Deutschland, England und Indien verkauft wurden.

Aber die Effekte der Teeplantage gehen über das Finanzielle hinaus:

Die gemeinschaftliche Vermarktung der Teeblätter half auch Adivasi-Kleinbauern. Und es war die Teeplantage, welche den Anstoß zum Aufbau von Just Change gab - ein alternatives Handelsnetzwerk indischer Kooperativen, von dem ca. 40.000 Familien in vier indischen Bundesstaaten profitieren.

Für die Kultur und die Identität der Adivasi spielt ihre Teeplantage eine große Rolle: Die Adivasi sehen die Plantage als Symbol der Adivasi-Identität, als einen Ort für alle Adivasi im Gudalur-Tal. Als Gemeinschaftsbesitz knüpft die Plantage an alte Traditionen der Adivasi an, die keinen Individualbesitz kannten und Erträge nach Bedürftigkeit aufteilten. Wald, traditionelle Lebensgrundlage der Adivasi, wird auf der Plantage erhalten, Obstbäume für Adivasi-Dörfer wurden herangezogen, Heilkräuter angesiedelt.

Ein heiliger Ort auf der Teeplantage betont deren kulturell-religiöse Bedeutung. Dort treffen die Lebenden mit den Geistern ihrer Vorfahren zusammen. Dieser heilige Ort verbindet Welten und ist ein spirituelles Zentrum der Gemeinschaft. Die Adivasi kommen hier für religiöse Zeremonien und ihr Adivasi-Festival zusammen, um Tänze, Lieder und Traditionen zu pflegen.

Auf der Plantage finden Arbeitstreffen, Trainings, Workshops und Kinder-Camps statt. Hier lernen Kinder und Jugendliche den Wald als eine identitätsstiftende Grundlage iher Gemeinschaft kennen. Die Plantage fördert  Gemeinschaftsgefühl und gemeinschaftliche Entwicklung.

Surendiran, Adivasi der Mullukurumba und bis zu seinem kürzlichen Tod Lehrer an der Adivasi-Schule, sagte:
"Die Teeplantage ist eine Schule ohne Gebäude. Wir nutzen die reiche Natur in der Plantage und Umgebung, um  Naturwissenschaft, Geographie, Ökologie, Medizin und Landwirtschaft hier ganz praktisch zu unterrichten. Die Plantage kommt allen Adivasi zugute, und nicht nur denen, die dort arbeiten. Unsere Kinder sollen lernen, stolz darauf zu sein, wer sie sind und die Gesellschaft als aktive Mitglieder zu gestalten."

Die Adivasi sind sich bewusst, dass sie für die Zukunft beides brauchen: Die Gemeinschaft der Adivasi, um nicht als Einzelne im Überlebenskampf unterzugehen, aber auch das Rüstzeug, in der modernen Welt bestehen zu können. Der eigene Landbesitz an der Plantage mit dem Stück Urwald ist perfekt geeignet, moderne Bildung mit der Vermittlung von traditionellem Wissen zu verbinden. Adivasi-Kinder aus den Dörfern und von der Adivasi-Schule lernen auf Exkursionen auf der Adivasi-Teeplantage. Camps vor Beginn des Schuljahres richten sich v.a. an Kinder und Jugendliche, welche die Schule abbrachen und motivieren sie zum Lernen. Surendiran sagt: „Es gibt eine kulturelle Beziehung zur Aktivität, und so macht es allen viel mehr Spaß.“

In einer Gemeinschaft trägt jeder und jede verschiedene Gaben bei und doch ist die Gemeinschaft mehr als die Gaben der Einzelnen. Die Adivasi im Gudalur-Tal haben ihre eigenen Sprachen und Traditionen als Mullukurumba, Bettakurumba, Irula, Panniya oder Kattunaiken. Als Adivasi teilen sie die Gefahr des Verlustes ihrer Kultur und Traditionen und der drohenden Vereinzelung. Durch ihre Gemeinschaft im Adivasi-Netzwerk AMS sind sie stark. Sie lernen gemeinsam und gehen zusammen ihren Weg durch eine sich verändernde Welt. Ihre Kleidung mag sich ändern – aber sie wollen nicht ihre Identität und Würde verlieren.

Doch die Teeplantage selbst kämpft mit Schwierigkeiten. Die indische Gesellschaft ändert sich und es ist heute schwierig, Arbeitskräfte für das Teepflücken zu finden - junge Menschen wollen nicht mehr in der Landwirtschaft arbeiten, finden bessere Jobs oder verlassen die Region. Arbeitslose Adivasi verlassen heute ihre Dörfer, um in den Textilfabriken in Coimbatore und anderswo zu arbeiten. Etliche Teeplantagen schlossen. Andere beschäftigen arme Migrant/innen aus Nordindien, z.B. Jharkhand. Die Konkurrenz um Arbeitskräfte führt zu einem Anstieg der Löhne. Gute Löhne und Sozialleistungen sind so kein Alleinstellungsmerkmal der Adivasi-Teeplantage mehr. Auch für die Adivasi ist die abgelegene Teeplantage so nicht attraktiver – und vor den wilden Elefanten haben viele zu Recht Angst. Der aufgestellte elektrische Solarzaun zum Schutz vor Elefanten musste auf Weisung der Regierung abgestellt werden. So kommt es, dass in den neu gebauten Wohnhäusern auf der Teeplantage statt 12 Adivasi-Familien nur vier Adivasi-Familien wohnen. Nur etwa 30 festangestellte Adivasi arbeiten heute auf der Plantage. Die Preise für Nilgiris-Tee sind allgemein gefallen und die Plantage arbeitet zur Zeit nicht profitabel. Großen Teeplantagen verhilft eine eigene Teefabrik zu höheren Profiten.

Doch verkaufen wollen ACCORD und Adivasi die Plantage nicht - obwohl das Land heute drei Mal so viel wert ist. Ökotourismus ist im Aufbau als wirtschaftliches Standbein. Auch Sie können die Adivasi-Teeplantage als Gäste der Adivasi-Ökotourismus-Initiative Ecoscape besuchen (www.ecoscape.co.in). Weitere Ideen werden derzeit diskutiert. Der Landbesitz ist den Adivasi wichtig. Gebracht hat er den Adivasi Selbstvertrauen, Partizipation auf Augenhöhe weit über die Region hinaus. Entstanden sind Dynamik und Erfolge in der Bildungs- und Gesundheitsarbeit der Adivasi, die Mitte der 1990er Jahre noch niemand für möglich gehalten hätte.

Mohan, ein Adivasi der Paniya, war früher Gelegenheitsarbeiter. Er fand Arbeit auf der Adivasi-Teeplantage und sagte:
„Seit wir die Plantage gekauft haben, hat sich das Leben der Adivasi hier verändert; wir hungern nicht mehr.“

Kichen, Adivasi der Paniya und erfahrener Pfleger am Adivasi-Krankenhaus, weiß:
„Unser Gesundheitsprogramm hat viele bemerkenswerte Dinge hervorgebracht. Es gibt fast keine Müttersterblichkeit mehr, die Kindersterblichkeit wurde erheblich verringert, alle Kinder sind geimpft und unsere Gesundheitsvor- und Fürsorge sind von sehr guter Qualität.“


Doch viele Herausforderungen und Unsicherheiten liegen vor den Adivasi.

Der Landbesitz an der Teeplantage ist den Adivasi ihre Versicherung für die Zukunft.

T.K. Ayyappan, Adivasi der Mullukurumba und seit langem aktiv im Adivasi-Netzwerk AMS, insbesondere in der Teevermarktung, sagt:
"Wir wollen unsere Gemeinschaft erhalten. Deshalb brauchen wir unsere Teeplantage."

Wir danken Ihnen für Ihre Unterstützung und Spende zugunsten der Adivasi-Teeplantage.

zum Spendenkonto...

zurück

Neuigkeiten:

WillkommenEinladung: ATP-Treffen 1.-3. Dez.

Alle Aktiven und Interessierten sind herzlich eingeladen - vom 1. bis 3. Dezember nach Kamen. Von Freitag Abend bis Sonntag Mittag tauschen wir uns über aktuelle Entwicklungen bei unseren indischen Partner/innen und in unserer Arbeit aus, diskutieren aktuelle Fragen unserer Projektarbeit, lernen uns (besser) kennen und präsentieren unser Projekt vor Ort.  Am Sonntag sind wir zum Gottesdienst in der Evangelischen Kirchengemeinde Kamen präsent. Melden Sie sich an - wir freuen uns auf Sie.

...............................................

Ereignisse:

11-2017 webAMS-Kalender: November 2017

Jährlich bringt das Adivasi-Netzwerk AMS einen Kalender heraus, der auch traditionelle und lokale Feiertage der Adivasi ausweist. In jedem Haushalt der etwa 15.000 AMS-Mitglieder hängt der AMS-Kalender.
Zum AMS-Kalender...

...............................................

Go to top